2017-08-20


Pneumatisch. Pathetisch. Problematisch.

Der Beipackzettel berichtet, dass das Medikament, welches vom Namen her wie eine von Nazi-Fallschirmjägern angegriffene Insel im Mittelmeer klingt und verhindern soll, dass ich an meinen fehlgeleiteten Lungenfunktionen eingehe, die Wahrscheinlichkeit für Albträume und Selbstmord-Tendenzen steigert. Spüle die Tablette mit einem Radler vom Discounter runter. YOLO.


Fürchtete stets, Autoren kennenzulernen, deren Bücher ich mochte. Einmal ist es mir indirekt passiert: Traf die Schwester eines Schriftstellers. Erstlingswerk hatte das Zeug zum Lebensbuch. Erfuhr durch sie, dass »…der Text zu 85% aus selbst Erlebtem…« bestand. Wusste aus der Akademie, dass der Schriftsteller bei der naiv scheinenden Frage »Wie viel selbst Erlebtes steckt in ihren Schriften?« regelmäßig eskalierte. Soll wohl sogar mit Bierflaschen um sich geworfen haben. Üble Sache. Im Grunde kauft man mit einem Buch immer zwei Geschichten: Die auf den Seiten und die der Autorenfigur. Beckett: »Meine Stücke sind nur Spiel. Erst andere Leute haben daraus Ernst gemacht«. Kluger Mann. Oder vielleicht doch nicht?

Bummle ab und an mit Mark Twain durch Europa. Das von ihm beschriebene Deutschland kommt mir so bunt und selig vor, frei von der Ursünde des Holocausts, weit entfernt noch vom infernalischen Industrieschlachten der beiden Weltkriege. Hätte diese Zeit gerne erlebt. Früher schien es Raum für Alle und Alles zu geben. Heute ist mir alles so eng. Muss ich mich für Dinge interessieren und moralisch verantwortlich fühlen, die tausende Kilometer entfernt geschehen. Überlastung durch Ethik. Kein Wunder, dass die großen Vereinfacher unserer Zeit leichtes Spiel haben. Eskapismus? Nein. Aber Heimweh nach den Grenzen der Polis.


Will über den Kalten Krieg schreiben. Quäle mich durch Erinnerungen, schäle Propaganda, Sepia, Trauma ab. Als ob ein Blick in die Nachrichten nicht ausreichen würde. Zerknüllte Skizzen. Was bleibt: Nichts. Bunte Bilder auf holzigem Papier. Grüne Heimat, schöne Heimat. Herrje! Klinge beinahe wie ein Ostalgie-Apologet oder ein vom Westkulturbetrieb assimilierter Namedropping-Beauftragter. »Weisste! Weisste noch! Damals? Weisste?«. Verstehe nun Dein Forschen nach eigener Stimme und Ton, lieber Wolf. Suche weiter.