2017-10-15


Organismen. Vergehen. Staub.

Alte Zäune sterben ab, neue Kassenhäuschen entstehen. Alles hier ist schief und krumm, Farbe blättert ab, die Stufen der Stehplätze senken sich. Kinder vergnügen sich auf der kleinen Hüpfburg hinterm Bratwurststand. Ganz hinten, wo man den Brombeerdschungel zu Tode senste, entstehen neue Trainingsplätze. Und alle 14 Tage erregt sich das Stadion. Es lebt, das ist mal klar. Ein Joint macht die Runde. Junge Frauen langweilen sich oder taxieren die Spieler auf Knackarschigkeit, je nachdem, ob sie mit ihrem Lover oder allein in kleinen Grüppchen hier sind. Alte Männer trinken Bier und genießen den überschaubare Weltläufigkeit der vierten Liga zwischen Neustrelitz und Auerbach. Hier kann man noch in Ruhe verlieren. Ist nicht wild. Ist nur das Leben. Das echte.

Wahlen. In Österreich werden die Rechten zweit- oder drittstärkste Kraft. Deutsche Medien sprechen von einem Rechtsruck. Schwachsinn. Seit Jahrzehnten warnen österreichische Künstler über die um sich greifende Freude an der Restauration. Was dort passierte, ist das vorhersehbare Ergebnis eine großen Feldversuchs: Was passiert, wenn man sich nicht klar und eindeutig von Rechtsradikalen distanziert, und zwar im Reden und Handeln.

Plötzlich knallt ein weißer SUV in den schläfrigen Sonntagvormittag. Die Tür geht auf, ein riesiger Hund springt raus. Sein Besitzer tippt noch auf seinem Smartphone herum, während das Vieh im Gebüsch den neuesten Tratsch erschnüffelt. Stummelschwanz und ich sehen, wie er irgendwas im Maul trägt, hochwirft, auffängt und zu kauen beginnt. Die SMS fliegt davon, das Herrchen begreift schnell. Kreischend stürzt er auf den Köter zu, aber es ist zu spät. So sehr er auch in seiner sabberigen Schnauze herumfuhrwerkt, was er fraß, geht den Weg alles Irdischen. Aus der offenen Tür wummert ein Bass: Another one bites the dust. Stummel nickt, ich nicke. Wir gehen unserer Wege. Es ist Sonntag. Im Osten nichts Neues.

Es bleibt über den aktuellen Zustand des deutschen Journalismus nachzudenken. Kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass da Leute mit zu viel Sendungsbewusstsein und zu wenig Selbstreflexion unterwegs sind. Das ist mir alles zu viel Berlin, Hamburg, München; zu wenig Blick auf die Provinz, Analyse, Einordnung in Kontexte; zu viel social media coverage; zu wenig Darstellung des sozialen Miteinanders. Aber ich muss mir da noch einmal Gedanken machen.