2017-10-27


Steffen.

Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.

1.Thessalonicher 5,5

Jeanshose, billig geliehene Lederstiefel und Abfahrtsski. Eisiger Wind fetzt mir ins Gesicht, gnadenlos, pausenlos. Mein Augenlid friert zu. Ohne müde zu werden stapft er über eine freie Plene des Fichtelbergs. Beschissenes Wachs, Eisklötzer unter den Laufflächen, bei allen. Ihm folgen seine Frau, seine Kinder, zum Schluss ich. Niemand gleitet elegant den Hang herunter. Alle fragen sich, ob das Leben wenigstens einen Sinn hat und falls ja, ob er wie Glühwein schmeckt. Jedenfalls, da habe ich gelernt, was hartes Wetter ist und Jammern nichts nützt. Kannte ich bis dahin nur vom Bildschirm. Das war in einem Winter.


– Was ist denn das?

– Meine Werkzeugkiste? Gestern gekauft. Alles neu!

– Das sehe ich. Sieht ja aus wie 'ne Puppenstube.

– Irgendwann muss man ja mal anfangen. Kann mir nicht immer dein Zeug borgen, oder?

– Hast ja Recht. Was ist mit deinem Vater? Hat der nicht noch was übrig?

– …

– Verstehe. Hat es nicht so mit... Handwerk. Wart mal. Hier.

– Die Zange hat aber ihre besten Tage schon hinter sich.

– Wenigstens lässt sie dein Werkzeug nicht mehr so aussehen, als würdest du im Puff arbeiten.

Das war in einem Frühling.


»Übernimm du jetzt mal«, sagt er, während der völlig überladene Opel auf den Rastplatz rollt. Meine Beine und Ohren sind taub. Zu wenige Rastpausen und zu viel Creedence Clearwater Revival. Unterhalb der Hüfte ist alles eingeschlafen, alles darüber hoffnungslos übermüdet. Seit Stunden dröhnten wir nun schon über die Autobahn und jetzt sind wir in Österreich. Bis zum Balaton scheint es noch achtzig Kontinente weit zu sein, alles über vollkommen ereignislose, stracks durch Wälder und Büsche gezimmerte Mautobahnen. Aber ich übernehme. Klacks, denke ich. Kinderspiel. Junger Kerl, kein Problem, dicke Augen ja, dicke Eier erst Recht! Zwanzig Minuten später schlingt mir Frau Sekundenschlaf ihre Nylons um die Augen. Das Auto schaukelt, er wird wach. Ich auch. Keine Viertelstunde später sitzt er wieder am Steuer und reitet bis Ungarn durch. Er hat nie wieder darüber gesprochen. Und mir trotzdem ab und zu seine Karre geborgt. Das war in einem Sommer.


Er liegt in der zweiten Etage und hat seit vier Tagen nichts gegessen. Ein Zimmernachbar rührt sich kannenweise Kakao zusammen. Ich suche eine Vase, finde aber nur ein verwaistes Marmeladenglas. Für einen alten Dauercamper wie ihn wahrscheinlich genau das Richtige.

Das Feuer in seinem Inneren scheint erloschen, nur noch ein glimmender Docht steht zwischen ihm und der Dunkelheit. Alles hier verliert seine Farbe an das Unvermeidliche. Graue Schläuche, graue Haare, graue Wolken. Als stehe zu befürchten, dass Lautstärke ihn verletze, spreche ich nur leise. Erkennt er mich? Ja. Leise. Antworten, mühsam gepresst. »Lungenkarzinom«. Das Sprechen fällt ihm schwer. »Hätt' ich auch nicht gedacht, dass es mal so wird. Scheiße.«

»Was sagen die Ärzte, perspektivisch?«. Perspektivisch. Bei einem Karzinom. Schon beim Sprechen fällt mir auf, wie schwachsinnig sich mein Versuch ausnimmt, nicht gleich sofort loszuheulen.

»Die Ärzte machen noch kein No Go. Ist schon mal kein schlechtes Zeichen«. Unter Umständen ist dies eine Wahrheit, die in diesem Moment nur für uns beide existiert. Hoffnung, keine Lüge.

»Gib nicht auf.«

»Ich gebe nicht auf.«

»Minimalchance nutzen. Bis zum Schluss. Wie der HSV.«

Er lacht. Zumindest sieht es danach aus. Das ist in einem Herbst. Das ist jetzt.

Eroberer, Diktatoren, Mörder kommen in die Geschichtsbücher. In unsere Herzen jedoch nur echte Menschen. Deshalb kennt sie keiner. Ist aber auch nicht schlimm. Sondern ewig, wie die Ratlosigkeit angesichts unserer Endlichkeit. Oder die Jahreszeiten. Ich dachte mir, dass ihr das wissen solltet. Das von Steffen.