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Tag 1/7


Nöte

Freitagabend. Plötzlich einsetzende Zahnschmerzen. Nichts macht demütiger.


Generations

Die Augen schwimmen durchs Licht
Der Bart wie fleckiger Schnee
Wieder zwei Schluck zu viel
Oder zu wenig
Wie man's
Nimmt.

Jede Zeit hat ihre Helden und Geschichten
Größer als du und ich, Kid, das ist ja
Mal klar aber nicht
Schlimm
Wäre es nur ohne
Geschichten.

Am Ende kommt's nicht mehr darauf an
Das meiste erlebt, gekauft oder gesoffen
Zu haben, tat es nie
Bereue nichts
»Das war ein Spaß!«
Und Vorhang.


Tee

Eine Schachtel Kippen
Altes Indianerkraut
1985
Im Flur
Vorm Spiegel
In die Hosentasche
(Meine)
Und keiner hat's gesehen
Hoffentlich.

Eine Schachtel Kippen
Hinter der Kirche
Drei Kids
Katrin, Dennis, Petra
Und ich
In die Lungen
(Backen)
Und niemand hat's gesehen
Hoffentlich.

Eine Schachtel Kippen
Komplett zerraucht
1985
Hinter der Kirche
Als Indianer
Ohne Westen
Stanken wie Vati
Nach der Schicht
(Kneipe)
Und riechen tut man nichts?
Hoffentlich.

Keine Schachtel Kippen
Im Flur
Vorm Spiegel
1985
Liege im Bett
Die Welt ist im Arsch
Zwischenzeitlich sterbe
Und stinke
(Und fürchte)
Ich unbemerkt
Hoffentlich.

Ein Glas Tee
Schwarz und süß und ex
Altes Indianerkraut
Tanzt mit Russentee
Ein Kind hängt am Balkon
Und kotzt
1985
In die leere Dunkelheit
(Hoffentlich)
Von allen bemerkt
Scheiß drauf.


Gedichtform

»Gedichtform« ist ja auch so ein Brutalwort. Schon wie das zusammengesetzt ist: Gedicht (Yeah!). Form (Uff!). Form, wie »Formfleisch« oder »In eine Form quetschen« oder »Schlecht in Form«.

Einsperren in Formgebilde, Silbenzählen beim Morgenappell. Wenn eine fehlt, wird die ganze Meute gezüchtigt, muss so lange als Unvollständiges in Regen, Sonne oder Schnee stehen, bis sich ein neuer Trottel gefunden hat, der sich dann einreihen muss, als Hebung oder Senkung.

Und Literaturtheoretiker, die Kerkermeister der Kunst, wachen in Zellenblöcken stets eifersüchtig über die Einhaltung alter Regeln, würden sogar auf Basis von Naturgesetzen Menschen anklagen, sie verurteilen zu lebenslanger Bewunderung der Erfinder der Regeln, weil sie ja selbst nichts zu sagen haben, weshalb sie immer auch nur Widerkäuer dessen sind, was andere schufen, was nichts anderes als Mauern waren, hinter denen sie sich nun verkriechen, die Damen und Herren von der Literaturtheoretie, und auf die Mauern schreiben sie dann ihre Lieblingswörter: Wissenschaft! oder Akademie! oder Essay! oder Lehrmeinung!.

Ein Scheißdreck ist das alles. Draußen stehen die Leute, hungernd nach Kunst, nicht als Produkt, sondern Lebenssinn, als Ausdruck des Menschseins, als mehr als nur Humankapital-Seins, als Schöpfer eigener Welten, als Gott. Doch sie verhungern, weil sie nicht zu essen wagen, denn was sie sich erdenken, sei nicht von rechter Natur, keine Kunst, kein Garnichts.

Das haben Mensch und Gedicht nicht verdient.