2018-08-28

Die Vermessung des Mangels

Mit The Kid im Wald gewesen, laufen, einfach so. Die letzte Sonne des Jahres nutzen, ein bisschen Dopamin durch die Leitungen spülen. Der arme Kerl hat gerade so viel Freude am Leben wie ein Priester im Puff. Ständig kotzt ihm die Leistungsgesellschaft vor die Füße. Kurz mal nicht hingesehen, schon gibt es wieder einen in die Magengrube. »Unzulänglich!« schreit es dann, »Enttäuschend, ich dachte, ihr seid schon weiter!«. Jeder Entdeckergeist wird in der Schule systematisch ausgelöscht. Daher wohl auch der Begriff Schulsystem für dieses Löschsystem, als wäre es eine ehrenvolle Aufgabe, ihre Träume von der normalen Absurdität jugendlicher Grenzenlosigkeit auf das schisserige vernünftig im öffentlichen Dienst prekär beschäftigter Visionsverlierer herunter zu dimmen. Naturgemäß wird alles gewogen, bewertet, einsortiert, in Kategorien beerdigt und als selbsterfüllende Prophezeiung auf der Kinder Stirn eingemeißelt. Muss ja sein. War ja immer so. Braucht man ja. Irgendwie. Für später.

Selbst das natürlichste Ding, der Bewegungsdrang, wird hunderte Seiten lang als Sportunterricht normiert und mit Bewertungsmaßstäben versehen. Und die haben es in sich. Statt harmlosen Tobens werden Werte verlangt, die nur dem kranken Hirn eines Sadisten entsprungen sein können. Zuverlässige Mechanismen, um alles Freudvolle abzutöten und den Menschen stets und vor allem früh genug daran zu erinnern, dass er ein jämmerliches Mängelwesen ist.

Und sich dann wundern, dass sich die Kinder ritzen, sich oder andere misshandeln und jedweden Substanzen verfallen. Was für ein Drecksleben hier gebahnt wird. Schöne neue Welt.

Chemnitz. Die Saat geht auf. Das Volk ist wieder ganz bei sich, es riecht das Blut und überhört in völkischer Besoffenheit den letzten Rest wimmernder Empathie, der da vielleicht noch in dem Einen oder der Anderen wohnt. Mal wieder bezeichnend: Das grundfalsche Narrativ des prügelnden Skinheadfaschos. Die Handyaufnahme einer Frau, das aus allernächster Nähe den Übergriff sog. Biodeutscher auf sog. Ausländer zeigt, demaskiert das naive Urteil. Zu hören sind ihre gestrengen Worte zu einem der Beteiligten: »Hase, Du bleibst hier! Du bleibst hier!!!«. Hase gehorcht. Über seinen Bauch spannt sich ein T-Shirt mit der Aufschrift »Einsiedel – Tradition statt Invasion«. Es sind nicht vom Himmel gefallene Rechte, die hier ihrer Mordlust Auslauf gewähren, sondern die Anständigen.

Und Fernsehen und Zeitungen und Onlinejournale wissen auch schon wieder, woran das alles liegt. Nicht daran, dass man systematisch den Ossis ihre Kultur mit Bild, Bier und Bumsfilmen übermalt hat, sie verstummen ließ, den Leistungsgedanken zum Menschwert erhob und zum Kontostand äquivalent setzte. Sondern weil der Ossi halt nun mal so ist, wie ein Ossi so ist. Und das haben die dicken Ronnys und die garstigen Mandys (höhöhö!) so gut verinnerlicht, dass sie es heute als vollkommen normal empfinden, die Musels und Invasoren
von der Platte zu putzen. Wohl dem, der solche Kategorien setzen kann, ohne davon betroffen zu sein.

Muss ja sein. War ja immer so. Braucht man ja. Irgendwie. Für später.

Kommentare

liuea
29.08.2018 · 07:42 Uhr

Libralop
29.08.2018 · 09:58 Uhr

klagefall
30.08.2018 · 10:36 Uhr

Libralop
30.08.2018 · 10:40 Uhr

Etwas zu sagen? Her damit!