3. Oktober 2019

Auferstanden über alles und dem Glücke zugewandt. How It Is (Wap Bap…).

Irgendwann in den Siebzigern

Sonntagskind.

Auf dem Hinterhof. Ich spiele in einem Sandhaufen. Mir ist langweilig, aber das geht in Ordnung. Die Glocke am Rathaus schlägt. Ich fühle mich daheim, sicher, richtig. Dann fällt mir ein, dass Vater weg ist. Sie sagen: Bei der Fahne, was bedeutet Das muss ich auch später und Gegen meinen Willen.

Irgendwann in den Achtzigern

Einschulung. Rückblickend das ereignisloseste Kalenderjahr der Weltgeschichte. Wenn wir mal ZDF empfangen konnten, also das Wetter mitspielte, liefen Trickfilme, aber gute, die wirklich spannenden. Nicht dieser sowjetische Babuschka-Krempel oder irgendwelche bulgarische Hippiescheiße. Abends schaute Vater Kriegsfilme. Die Rote Armee gewann immer, selbst die Auswärtspartien. In der Schule malte ich Sindbads Schiff (oder war es Moby Dick?) und gestaltete die Bordwand mit Hakenkreuzen. Dann waren Männer bei uns. Danach war Mutter vollkommen aufgelöst. Dann gab es Pudding und Hitparade.

Schaltjahr. Olympia. 70 Jahre des Beginns des ersten Weltkriegs. In der Schule hält ein Student, der älter als meine Eltern ist, einen Vortrag über das Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand. Tonfall: Er hat es verdient. Adliger gleich Imperialist gleich Kriegstreiber gleich Drecksau. Mir entfährt ein lang gezogenes Sarajevooooo-ooo-oooo-ooo! , genau so, wie Vucko, dem Maskottchen der Winterspiele. Dann durfte ich den Raum verlassen. Sofort.

Plattenbau. Schlammwüsten. Endlich Innenklo, Dusche, Badewanne. Jugendweihe. SKR 700 in pink aus dem An- und Verkauf. NDR 2. Don‘t worry, be happy. Eine Doppelseite der BRAVO brachte um die 20 Mark ein, je nachdem, ob Kylie Minogue, Madonna oder Rick Astley drauf waren. Stallone und Depeche Mode sogar fünfzig. Münchner Freiheit war ein Ladenhüter, Schwule gab es damals noch nicht. Die Zeit stand still. Die Haare am Sack wuchsen. Die gelangweilten Hausfrauen hielten sich Liebhaber, ihre Männer feilschten um gebrauchte VWs oder Ladas auf dem Schwarzmarkt. Leute demonstrierten. Leute duckten sich weg. Leute bezweifelten den Fortbestand von allem. Hinterher waren alle dabei und zwar in vorderster Reihe. Eine Blondine macht mit sächsischem Akzent Werbung für Kartoffelchips. Im Privatfernsehen zieht sich die Erdbeere aus.

Familienzusammenführung. Alles fremdelt. Höflichkeitsbesuche hier. Der angeheiratete sizilianische Großvater ist für genau zwei Dinge zu gebrauchen: Damit anzugeben, dass man sizilianische Verwandte habe und die gigantische Sammlung an Porno-Kassetten und und -Heften im Keller seines niedersächsischen Elektroladens. Höflichkeitsbesuche da: Graue Männer kommen hinten herum und gleich runter. Dieselben trifft man dann im Schäferhundezüchterverein. Begrüßungsgeld fast vollständig in Lustige Taschenbücher und eine Platte von Rondo Veneziano umgesetzt. Eventuell auch in die ein oder andere Praline.

Irgendwann in den Neunzigern

Ende. Anfang. Ich entging um Haaresbreite dem Wehrlager, der Nationalen Volksarmee, der obligatorischen Russischabschlussprüfung. Ich schrieb genau eine einzige Bewerbung, Füllfederhaltergekrakel auf holzigem Schulschreibblock. Weshalb mich das Feinkosthaus Käfer in München nicht als Lehrling eingestellt hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Etwas Ordentliches gelernt, etwas, das auch im Westen anerkannt ist. Kollegen wetten um Tausend Mark (West!), dass Dortmund Meister wird. Die letzten Sowjetsoldaten reisen ab. Die ersten Russen kommen.

Filme werden gedreht, Bücher geschrieben. Alles, um Westdeutschland zu erklären, dass die DDR aus zwei Teilen bestand: In dem einen lebten kalkige Gedanken in noch kalkigeren Männern mit seltsamen Hüten. Der Rest waren freiheitsliebende, dauerunterdrückte Naivlinge mit Herz. Sehnsucht nach Ostprodukten und dem Wohlklang ihrer Markennamen. Manche gestalteten Bücher nur daraus und werden heute noch als Instanz für die rückwärtige Betrachtung des Arbyter- und Lauenstaates heran gezogen. Jana, altes Zonenkind, namedroppe doch nochmal was vom Kriech.

Ich fahre in den Westen, um dort zu bleiben (Montag bis Freitag). Begrüßungssatz der Einheimischen: Bei uns im Westen fährt man richtig herum in die Einbahnstraße!. War das erste Mal, das mir klar gemacht wurde, woher ich komme. Wohin ich wollte, war mir damals schon unklar. Bin frei hier, gegen meinen Willen. Jedes Wochenende zum Frisösenbumsen nach Hause gefahren. Ökologischer Fußabdruck wie ein Yeti. Über Autobahnen, die es heute schon gar nicht mehr gibt. Ich brauche keinen Gott. Ich habe mich selbst.

Wehrdienst. Weil ich MASH mochte und mir kein Grund zum Verweigern einfiel. Nach sechs Wochen als Wehrkraftzersetzer beschimpft worden. Nach sechs Monaten vom Kommandeur vorm ganzen Bataillon im Regen des Westerwaldes gelobt worden. In der Nacht davor war Prinzessin Diana gestorben. Ende Dezember entlassen geworden. Versucht, mit dem Trabi nach Hause zu fahren. Schaffe nur siebzig Kilometer auf einem Topp. Halte irgendwo hinter der alten Grenze an. Ein Automechaniker kramt im hinterletzten Schuppen herum und findet noch irgend so ein Zündungselektronik-Mambojambo, der mir kaputt gegangen war. Friedensware nennt er das und will nur Geld für‘s Einbauen. Ist froh, dass er den Schrott los wird und damit helfen kann.

Zweitausend ff.

Jahrtausendwende natürlich ein Jahr zu früh, dafür hackedicht auf dem Augustusplatz. Zeitarbeit, Gewerbegebiet, ländlich, praktisch, braun. Stehe am Band, Schicht um Schicht, weil ich mich als Schlosser zu tappig angestellt hatte. Zweihundert Sachsen, vier Wessis. Golden Retriever, die nur ihren Job gemacht haben, umgeben von zweihundert kastrierten Pinschern. Flugzeuge in Hochhäusern. Heute sind wir alle Amerikaner! Versuche, das Abitur nachzuholen. Scheitere ausnahmsweise mal nicht. Studium. Hinter mich gebracht. Reden wir nicht darüber.

Begriffen: Es hat sich alles geändert und nichts. Wir Deutschen sind ein Volk ohne Mythos. Wir wissen nicht, wer wir sind und warum. Noch nicht einmal auf eine gemeinsame, erträgliche Lüge können wir uns einigen. Scheiß Universalgelehrten-Kult. Sicher, wir wären gerne wer. Dichter und Denker, Helden, Tüftler, Macher. Aber am Ende imitieren wir doch einfach nur, was wir an anderen bewundern. Weltbürger. Schreiber. Erfinder. Programmierer. Coole Typen, aber mit Herz! Jeden Tag eine neue Lüge. Jedes Jahr das gleiche Schauspiel.

Wir heulen rum, weil wir vor lauter Führerlosigkeit nichts mit uns anzufangen wissen. Da uns die Freiheit überfordert, hören wir Herbert Grönemeyer oder The Boss Hoss oder Helene Fischer oder Böhse Onkelz oder Feine Sahne Fischfilet. Das dann aber als politisches Statement. Und wir geben uns Regeln, denn ohne fühlen wir uns nackt. Eine davon: Wir schauen sonntags Tatort und schreiben vorher eine Erwartungsrezension bei leckomio online. Größter Thrill: Einem Beamten der Bundesrepublik zusehen, wie er unsere Probleme löst. Was auch dazu führt, dass wir uns mit Hingabe Dinge verbieten. Immerhin haben wir dafür auch jede Menge Vokabular aufgebaut, wie z.B. Hate Speech, Trigger Warning und jede Menge -ismen.

Manchmal dämmert es uns, dass Historie eine Sammlung unscharfer Fotos ist, nochmals unscharf abfotografiert auf dem Fließentisch der Weltgeschichte, verbunden mit Liedern, die wir gerne hörten, deren Text wir aber nicht verstehen. Dann erschrecken wir uns kurz, blicken auf, hoffen, dass niemand zugesehen hat, um wieder in die alte Bräsigkeit des Das haben wir immer schon so gemacht! zu verfallen. Reden wir über Leitkultur, sprechen wir über irgendwelche Imitationen von Lebensart, die wir als erstes mit unserer eigenen verwechseln, um sie dann zu benutzen, um andere draußen zu halten. Einfach nur aus Furcht. Wovor?

Ein ganz normaler Hulot in einem ganz normalen Land zu sein und nicht zu wissen, was das eigentlich bedeutet.

Hau rein, Deutschland. Könnte schlimmer sein. Vielleicht ist es das aber auch schon.

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Kiki
Kiki

libralop.de/tagebuch/3-okt… #Lesenswert (via @LibralopHulot) (→)

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