ABBA

Find What You Hate and Let it Kill Somebody

Es gibt zwei Dinge, in denen ich wirklich schlecht bin: Hassen und Musik. Daneben gibt es aber auch ABBA. Und immer wenn ich damit in Kontakt gerate, kommt eine Kettenreaktion in Gang.

Mein Magen verkrampft sich. Unter den Rippen ziehen tausende Ameisen nach oben, nagen an den Lungenflügeln, pissen mir aufs Herz und verbrennen mich von innen nach außen. Die Welt wird zum Feind, schlagartig, umfassend, ohne es zu wissen. Alle zücken die Bajonette des schlechtesten Geschmacks, stumpfen die Spitzen ab, damit es auch richtig weh tut, grinsen mich brutalst verblödet an und rammen mir gleichzeitig ihr rostiges »Ach, ich mag die ja schon sehr gern und singe auch mit!« ins Gekröse.

So auch meine Frau. Da ich diese aber naturgemäß weder hassen will oder zum Feind haben möchte, muss ich eine andere Einstellung zu dem ganzen Bums finden. Heute versuchte ich es mit arte und einer Dokumentation über die vier Verbrecher gegen die humanoide Kultur. Minute um Minute: Disco, Glam, Make Up from Hell, Zeitgenossenpalaver, Schwedenromantik – Die Krämpfe kommen. Wie Alex in Clockwork Orange sitze ich da, bereue, bedaure, würge laut und trocken nach oben, schreie lautlos, aber unter Schmerzen, schwöre auf Gott, um ihn gleich darauf zu verfluchen, verrate Vaterland und Fußballclub, vergesse mich, meinen Namen, das Licht, Hoffnung.

Und dann auf einmal: Die Erleuchtung!

Ständig trauert in diesen Liedern jemand über eine ramponierte Partnerschaft, verwelkte Liebe oder anderweitig zerborstene Sozialbeziehung. Und in wirklich jedem verdammten Einzelfall schauen die Sängerinnen drein, als litten sie unter Durchfall und Verstopfung – gleichzeitig. Es ist einfach nur eine einzige emotionale Pornografie. Hart, kurz, sofort auf den Punkt, in your face!. Genau so wie bei den Matronen, die in meiner Kindheit gefühlt jede Woche in der baufälligen zweieinhalb Zimmerwohnung meiner Familie aufliefen.

All die Tanten, Bekannten, Mütter, Schwestern, die dachten, einen grindigen Inzestdulli zu heiraten, wäre eine dolle Idee, weil der Kamerad wahlweise ein Moped, einen Bauernhof, volles Haar oder wenigstens noch zwei Drittel des durchschnittlichen Zahnbestandes hatte und nun erkennen mussten, dass Wolfgang Wammsemuckel seine Hände nicht nur zum Herumschrauben an Billigfuselflaschen nutzte, sondern sie gerne auch mal mit Schmackes in den Visagen seiner Ehefrau zum Parken brachte.

So saßen sie dann in unserem Wohnzimmer, heulend und zähneklappernd, dass es die Sau grauste. Gemeinsam soff man sich mit der werten Elternschaft um den letzten Funken Restverstand, um dann in einem Anfall von Mimkri wahren Schmerz nach außen hin zu empfinden oder wenigstens zu schauspielern. Nie wieder sollte ich so viel verlaufene Wimperntusche und so wenig echte Gefühle sehen. Neben anderen Entgleisungen des guten Geschmacks dödelte ab Mitternacht oder einem Promillewert im dunkelorangenen Bereich – je nachdem, was zuerst eintrat – auch ABBA aus den Boxen eines Plattenspielers volkseigener Produktion. Und genau wie bei den Schwedenwürsten kullerte melodramatisches Schwingen aus den unförmigen Hüften und versuchte sich als Tanz zu tarnen. Und ja, sie taten auch das absolut verachtenswerteste und verlogenste. Sie schlossen ihre Augen beim, nennen wir es: Singen.

Englisch konnte keiner von ihnen. Irgend eine kakophonische Ansammlung von wimmernden Vokalen und babylonischen Gurgellauten entwich ihren Kehlen, die sie vorher mit Klarem oder Braunen auf das biologische Niveau einer Asbestmatte heruntergespült hatten. (Versuchte ich dies hier niederzuschreiben, sei es Parodie oder IPA, würde die Rechtschreibkorrektur meines Rechners abstürzen oder alles mit fünf Kringellinien unterstreichen.)

Am nächsten Morgen, also gegen 15:30 Uhr, wenn die vom Schnaps durchwirkten Kadaver mit den Grundfunktionen ihres vegetativen Systems Waffenstillstand geschlossen hatten, die letzten Kotzeimer gespült waren und der Pelz im Mund mit einer Cabinet gen Stratosphäre geblasen wurde, begann der Spaß von vorn. Marianne Rosenberg, Ute Freudenberg, Juliane Werding und ABBA östrogenisierten durchs Viertel, als wären sie die vier apokalyptischen Reiterinnen. Nicht selten stießen dann noch weitere Kumpane dazu, gerne auch die moralischen Klärgrubenschwimmer, wegen derer ausgerutschter Hände die ganze Scheiße eigentlich anberaumt wurde. Gegenseitig versicherte man sich dann entweder, dass das nie mehr vorkäme oder wenigstens nur noch, wenn es gar nicht anders mehr ginge. Und soff fortan zusammen.

Gute alte Zeit.
Wie ich sie hasse.
Jetzt ist mir aber wenigstens klar, was das mit ABBA zu tun hat.


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– 10. Januar 2020 –


Kommentare

Libralop
13.01.2020 · 15:34 Uhr

Sag was. Oder lass es.