Als in der Stadt noch nicht so viele Zäune und Mauern standen, ging ich spazieren

Nicht das ich wüsste, was passiert. Nur dass es passiert, ist unstrittig. Für S & E & S & H.

Als in der Stadt noch nicht so viele Zäune und Mauern standen, ging ich spazieren.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es im Frühjahr oder im Herbst war, auf jeden Fall war das Wetter so grau wie die Hauswände. Hätte die Zeit nicht schon einige von ihnen weggebissen, wäre niemandem, auch mir nicht, aufgefallen, dass die Stadt nicht nur aus Ziegeln besteht. Wo Lücken in der Parade der immobilen Anlagevermögen klafften, wirbelte der Wind Laub und Müll zu langen Spiralen in die Luft. Tauben und Krähen mühten sich, Landeanflüge auf den Resten verrosteter Regenrinnen zu vollenden. Ihr Kreischen und Flügelrascheln vermischte sich mit dem giftigen Gewölk, das die Auspuffanlagen der rege vorbei eilenden Dieselzüge knatternd verließ.

Die Hauswände trugen noch die Narben ihrer heraus gesprengten Nachbarn. Über alle Stockwerke gaben die fehlenden Wände historische Handschriften preis. Welche Tapete die Geschichte bevorzugte. Wo Stromleitungen in Steckdosen endeten. Wie Jugendzimmer mithilfe raubkopierter Rod-Stewart-Fotos vom Rummelplatz zum vergessenen Schrein der Verehrung des Pops wurden. Auf dem nun freigelegten Hinterhof stapelten sich Bau- und Wohnwagen, teils hochkant, teils übereinander. Eine graue Katze schlich aus der morschen Tür des noch morscheren Waschhauses. Als blickte man in das Lustzentrum einer untergegangenen, an sich selbst satt gefressenen Gesellschaft.

Als ich den Auslöser meiner Kamera drücke, höre ich Schritte hinter mir. Er war genau zwei Köpfe und zehn Konfektionsgrößen kleiner als ich, strotzte aber vor Selbstvertrauen längst vergangener Zeiten. Er betrat den Platz durch ein Loch in der Mauer, vor das quietschend ein rostiges Gartentor zurück schwang. Schwarze Lederjacke, ranzig, speckig, glänzend, aber nicht in cooler Abgerissenheit. Billiges Imitat, teuer erkauft, treu abgewohnt. Pierrelittbarskiesker Oberlippenbart unten, Ivan Lendls Mittelscheitel oben. Die menschgewordenen Achtzigerjahre bauen sich vor mir auf.

– Kann ich mal ihren Presseausweis sehen?

– Meinen was?

– Presseausweis! Wenn sie hier fotografieren, brauchen sie einen Presseausweis. Oder ein anderes Dokument, das ihnen das Bildermachen hier erlaubt. Sonst ist das Hausfriedensbruch.

– Brauche ich nicht. Das ist doch alles frei zugänglich hier. Nennt sich Straßenbildfreiheit. Und überhaupt: Welches Haus?

– Dann kann ich ja jetzt auch ein Foto von ihnen machen.

Schnell sprang ein fast schon antikes Mobiltelefon hervor und zielte mit seiner winzigen Linse auf mein Gesicht. »Wenn sie mich jetzt fotografieren, verletzt dies das Recht am eigenen Bild!«, drohte ich lässig. Regel Nummer Eins: Lasse den Anderen niemals wissen, dass Du schiss hast. Funktioniert im Boxring ebenso gut wie an der Straßenbahnendstelle, wenn Du 50 Kilogramm wiegst, die Fahrerin bist und mit dem Weichenstellerschlüssel zwei Besoffskis aus der Bahn werfen musst. So schnell sein Telefon verschwand, so unvermittelt starrte ich in die Düse einer Dose Reizgas. »Verpisse dich jetzt, du Wichser!«, quittierte der Schnurrbart meine fernsehjuristische Einlassung. Innerlich kochte ich vor Angst und Wut, aber nicht jede Schlacht muss geschlagen werden. Langsam ging ich Schritt um Schritt nach hinten.

– Das ist hier ein Grundstück, verstehste?! Scheiß auf frei zugänglich! Hast hier nix verloren! Klar?!

– Ich wollte doch nur ein paar Bilde…

– Nüscht verlorn!!!

Während ich durchatmete, versuchte ich zu sortieren, was hier gerade passiert war. Zwei Gestalten hauten sich auf einer Müllkippe Begriffe um die Ohren, ohne dass hie oder da nennenswerte Kenntnisse vorlagen. Solide Diagnose. Der Kerl hatte genau die richtige Frequenz getroffen. Hier wurde uns als Kindern das Programm der unhinterfragbaren Autorität eingefunkt. Man brauchte keine Uniformen, wenn sich jeder Kleinkram in Windeseile in Elternhaus, Schule, Sportverein und Pioniergruppe verbreitete. Niemand konnte wissen, ob das Gegenüber einer von denen oder nur ein Dulli wie man selbst war. Grübelnd stromerte ich weiter. Lustlos klickte ich etwas mit der Kamera umher. Bekam nichts zustande, zitterte noch ein Weilchen. Und stand plötzlich wieder vor dem Platz der heutigen Schande.

Photo by Matthew Henry on Unsplash

Beinahe hätte ich das kleine Licht übersehen. Auf einem Reifenstapel lag ein Taschenlämpchen. Neben der Lederjacke funzelte es über leere Konservendosen hinweg ins schwelende Grau der schattenfressenden Dämmerung. Leise tröstete eine Stimme jemanden, der zusammen mit seiner Angst zu einem Leben hinter der Tür eines Bastei-Wohnwagens verdonnert schien. Perfektes Licht, perfekter Kontrast, leicht verdiente Likes. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, ein Bild zu machen. Hinter die Reifen geduckt, schob ich einen Fuß nach dem anderen vor. »Morgen, verspreche ich dir, morgen sind wir dann hier weg«, höre ich, »diesmal in echt!«.

– Und wohin? Wir haben keinen Ort mehr!

– Raus. Da können wir hin. Da kann man immer hin.

– Raus ist überall und nirgends!

– Und doch ist es Heimat.

– Es ist die Fremde! Du nennst es nur Heimat, ohne es zu kennen, ohne es zu fühlen. Wie kann das denn überhaupt eine Heimat sein?

– Es kommt ihr am nächsten. Weil es besser ist als das alles hier. Was machen die Flügel? Wie weit würdest du es schaffen?

– Geht so. Muss ja. Aber warum sich Gedanken machen. Vorbei ist vorbei.

– Hier vielleicht. Aber draußen, da ist noch Platz. Da ist noch was los. Morgen.

– Morgen?

– Verspreche ich dir.

Die Katze bemerkte als erste von uns beiden, dass ich ihr auf den Schwanz getreten war. Fauchend sprang sie auf und versuchte schreiend, ihr verlängertes Rückgrat unter meiner Sohle hervorzuziehen. Vergebens. Ich wurde zu Stein. Schnurrbart sprang auf, stürzte aus dem Bastei und rannte auf seine Taschenlampe zu. Reizgas!, tobte es durch meinen Gedankensalat. Das Adrenalin ließ meine Pupillen explodieren und tauchte mir den gesamten Hinterhof in Tageslicht. Stromleitung! Rod Stewart! Treppenreste! Meine Heimat, das sind nicht nur die Berge und Täler… – Was?!?

Zwanzig Schritte bis zum Fußweg. Dreißig bis um die Ecke. Hundert Meter über die halsbrecherische Mondlandschaft des Bauhofs, dann die Gleise. Keine Chance, selbst wenn ich mich hätte bewegen können. Schnurrbart braucht nur noch ein paar Sprünge, dann wird es böse, dann ist er bei seiner Sprühdose, noch fünf, der Wohnwagen wackelt, noch vier, Diesellok tututuut, Elektrifizierung plus irgendwas ist Sowjetstaat, Verstand machen winke winke. Meine Finger krallten sich ins Nackenfell der Katze, noch drei Meter, vorschriftsmäßig erstarrt lässt sie davon ab, mir das Gesicht zu pürieren.

Beide schauten wir uns überrascht an. Sie, weil ich ausholte. Ich, weil ihr ein »Echt jetzt?« rausrutschte, als ich das graue Bündel im hohen Bogen auf die andere Seite des Hinterhofes schleuderte. Dumpf aber gottgegeben landete sie auf allen Vieren. Ihr Gemecker lenkte Schnurrbart für einen Moment ab. Das war mehr, als ich brauchte. Als er sich abwandte, um auf der anderen Seite nach den Geräuschen zu sehen, rutschte ich über die Reste alter Fenster und Ziegelsteine davon. An der Ecke sprang ich auf und rannte davon. Rote Ampeln waren nur noch bloße Empfehlungen, die Schwerkraft gab ihren Plan auf, mich am Boden halten zu wollen. Ich weiß nicht, was ich sah. Einen Huf? Einen Schweif? Mit wem hatte Schnurrbart dort gesprochen?

Photo by Chris Karidis on Unsplash

Auch der nächste Tag war grau. Es regnete die ganze Nacht schon. Ins Bureau fuhr ich mit der Elektrischen. Als wir unterwegs hielten, bemerkte ich, dass am Platz, an dem mir gestern eine Katze Fragen stellte und ein wütender Zwergenriese sich anschickte, mich in der Luft zu zerreißen, ein Haus stand. Nummer »50«. Der Eingang war auf der Ecke, die von oben wie ein umgeknicktes Eselsohr die Straßenzeile umlenkte. Eine junge Frau suchte Schutz auf der Treppe vor der bunt bemalten Eingangstür. Als ich schon fast außer Sichtweite war, sah ich den Mann, der dort wohnte. Er bat die junge Frau so lange zu bleiben, bis der Regen nachließ, damit sie nicht vollkommen durchnässe. Dann ging er in seine Wohnung und ich dachte so bei mir, dass ich hier etwas finden könnte, was es sonst nirgendwo gab. Mit sirrendem Ton fuhr die Bahn an. Nur was?

Fragen Sie mich nicht. Es waren doch nur Schatten, die sich als Erinnerung in meinen Kopf geschmuggelt haben. Ganz bestimmt.

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