Champions, gefallene


Wie wir untergingen, weil wir keine Helden ertrugen.

Kann es manchmal nicht fassen, wie mich meine eigenen Überlegungen in eine Sackgasse sperren. Da steht man und findet nicht mehr heraus. Und ganz vorne steht er, dieser mittelmäßige Menschenverstand. Macht die Straße zu. Lässt mich nicht raus. Lässt keine Hilfe rein.

Ich stehe auf dem Balkon. Dieser bestimmte Duft aus Kohlegas und Benzin redet mir aus, dass es bald Frühling werden könnte. Unten schleichen die Autos durch den frisch gefallenen Winter. Irgendwo ruft jemand zum Abendessen. Irgendwo weiß jemand nicht mehr, wie es ist, eine Stimme zu hören. Ein Katze schleicht durch den Schnee. A. B. C. Wie damals riecht es dann.

Michael: Haarschnitt Marke Schnellkochtopf. Undurchsichtige Brillengläser in einer Stärke, die nur noch in der Maßeinheit Konferenzaschenbecher angegeben werden konnte. Vater Volkspolizist, Mutter ein unauffälliges Irgendetwasanderes. In ihren Augen waren wir anderen Kinder weitestgehend unnütz, während ihr Sohn alle Hoffnungen der kommunistischen Internationale aufgeladen bekam, für später, falls der Imperialismus frech werden sollte.

Immer wenn Michael in der Schule Mist gebaut hatte, durfte er sich die Litanei über den hohen Stellenwert der Verantwortung des Einzelnen in der sozialistischen Gesellschaft! anhören. Einmal vom Direktor und kurz darauf von seinem Alten. Dabei war Michael der Zahmste von uns allen. Einer, der dreimal nach links und rechts sah, bevor er über die Straße ging. Sicherheitsgurte trugen ihn zum Schutz vor Unfallverletzungen.

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Dass er sich jede Aktion fünfmal überlegte, bevor er sich entschied, sie nicht durchzuführen, hatte wohl was mit Schach zu tun. Wir prügelten uns aus den weltnichtigsten Gründen mit den Pissern aus der Nachbarschule. Michael bekam nur Puls, wenn er vor seinem Brett saß. Wäre er nicht im Schachklub gewesen, hätte ihn wahrscheinlich kein einziger Lehrer beachtet. Insgesamt hielten man nicht viel von ihm. Doch die Schule war heilfroh, wenn wenigstens aus einem von uns was wurde, und sei es nur ein sonderlicher Figurenschieber.

Die Lehrer nannten ihn »Paradebeispiel des gescheiterten Zögerers!«. Besonders Scheitinger hatte ihm auf dem Kieker. Scheitinger war Lehrer für Werken und Musik, machte aber nebenbei noch Schulgarten- und Sportunterricht.

Jetzt läutet die Glocke. Habe ich früher noch nie gehört. Oder doch?

Also: Scheitinger. Sah sich in der Tradition der ehemaligen Ostfrontkämpfer, als trinkfestes, prinzipientreues und bluthündiges Paradebeispiel des arisch durchimprägnierten Pflichterfüllers. Eines Tages zog Michaels Vater Scheitinger sturzbetrunken aus dem Verkehr. Seitdem lies der keine Chance zur Demütigung aus. Fiel der fette Juri wie ein nasser Sack vom Reck, hob er kaum mehr als die Augenbraue. Aber als Michael beim Bockspringen seinem Hilfesteller einen Schneidezahn heraus kickte, daraufhin selber stürzte und sich die Schulter auskugelte, machte Scheitinger das Fass des Jahrzehnts auf und brüllte wie ein sodentbrannter preußischer Schleifer auf ihn ein.

»Sieh dir mal an, was du angerichtet hast! Müller muss jetzt zum Arzt weil du zu blöd bist! Was liegst du überhaupt noch da unten rum?! Ach was, dir tut der Arm weh! Steh auf und entschuldige dich gefälligst!«. Und verheult wie er war, stand er wirklich auf und bat um Entschuldigung. Musste ganz schön weh getan haben. Aber das vergeht ja. Denke ich mal. War ja auch nicht das Schlimmste. Das kommt ja immer noch, später und so. Manchmal schlurfte er ohne Pullover in die Schule. Dann hatte einfach vergessen, einen anzuziehen. Das kam meistens vor, wenn Karpov gegen Kasparov spielte und er darauf die ganze Nacht die Partien mitgeschrieben hatte. Einmal stand er in Hausschuhen in der Klasse, mitten im Winter war das. Die Lehrerin schickte ihn wieder nach Hause. Irgendwie haben Michael alle nur fort geschickt.

Warum läutet eigentlich jetzt diese Glocke?

Nach diesem Vorfall konnte Michael seinen Arm nicht mehr richtig bewegen. Haben wohl irgendwas beim Einrenken verpfuscht. War ihm aber auch egal. »Schach kann man ja auch so spielen«, meinte er dann immer. Und das konnte er wirklich. Er hatte schon ein paar Turniere gewonnen und war unangefochtener Meister in unserer Schule. In der ganzen Stadt gab es vielleicht zwei andere Spieler, die einigermaßen mithalten konnten und im Bezirk hatte er höchstens ein halbes Dutzend ernstzunehmende Gegner.

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Irgendwann, kurz bevor ich weggezogen bin, sollte Michael bei einem großen Turnier antreten. Schulehre gleich Pionierehre und all so was. Da ist ihm beim Training eine dieser Schachuhren herunter gefallen. Sein kaputter Flügel war dran Schuld, irgendwie hat er ihn nicht unter Kontrolle gehabt und schon lag der Wecker auf dem Boden. Tausend Einzelteile. Da ist Michael abgehauen. Aus dem Klub. Von daheim. Da war er fort und mit ihm der hohe Stellenwert. Da ist er zum ersten Mal nicht weggeschickt worden.

Letztlich hat man mir das mit der Uhr angehängt. War aber auch egal. Vater hat die Sache ohne viel Gewese in seiner Uhrmacherei repariert. Dann zogen wir um. Ich habe bis heute nichts mehr von ihm gehört.

Diese Glocke. Bestimmt irgend so eine Messe zum Sankt-Pipifax-Tag, dem unterbelichteten Schutzpatron der Schwachstromliteraten. Stimmt, jetzt wo ich es mir überlege: Michael hat oben, neben der Kirche gewohnt. Wo über dem Portal Jesus einen Typen segnet, der weinend an seinem Rockzipfel hängt. »Das bin ich«, hat Michael immer gesagt. Hab damals nicht so genau hingehört. Keine Ahnung, welchen von beiden er meinte. Oder bilde ich mir das nur ein?

Doch, einmal habe ich noch von ihm gehört. Einer aus der alten Klasse hatte ihn in einem Teppichmarkt gesehen. Als Zuschneider oder so etwas. Ich war bis heute noch nicht dort. Aber seit ich in dieses Viertel gezogen bin, sehe ich ab und zu einen Typen, der die alte Version Michaels sein könnte. Dicke Gläser. Topfschnitt. Schmuddelig. Zigarillo. Lächerlich.

Wer?
Ich.
Er.
Nein, ich.
Ihn fragen?
Ich habe Angst, dass er mich fort schickt.

Leise fällt der Schnee in jedem Jahr.


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