Der Bruch

Tag Fünf

Westminster Abbey: Alles hier ist eine Frage des Glaubens an »God, King/Queen and Country«. Und Erfolg.

Vergangenheit gerinnt zu Stein. Namen werden hinein geschlagen, aber auch dies tragen tausende Touristenfüße wieder ab. Politiker aller Größenordnung, Naturwissenschaftler, Komponisten, Philanthropen, Uhrmacher, geliebte Töchter/Söhne/Ehemänner/Mütter. Gerade schläft der Organist beim Testspielen seines Instrumentes auf einer sehr hohen Note ein. Irgendwo bellt ein Hund. Ein Geistlicher spricht ein kurzes Gebet, fragt an um Schutz und Weisheit und Recht für das Königshaus, das Parlament und Prinz Louis, der heute Geburtstag feiert. Jemand saugt Staub. Nichts ist für ewig.

This monument
was erected
by
Jane, his widow,
who
after long waiting
and sending many
in search of him,
herself departed
to seek and to find him
in the realms of light.
July 18. 1875,
Aged 83 years.

(Seitenbemerkung am Grabmal von Sir John Franklin, Polarforscher, verschollen bei der Erforschung der Nord-West-Passage)

Geduldig erklärt mir Keith, wozu dieser seltsame Raum, das Chapter House eigentlich diente (»Meeting room for monks«) und dass hier das erste House of Lords zusammentrat. Er ist auf den ersten Blick so alt, dass es sich dabei um einen Augenzeugenbericht handeln könnte. Ihn bringt nichts aus der Ruhe, weder der in englischer Sprache leidlich dilettierende Tourist, noch die Tatsache, dass sich meine Fragerei auf das bezieht, was zwei Meter weiter auf einer Tafel geschrieben steht.

Woher wir kommen, fragt er. Aaah, Leipzig!, freut er sich. »Lange vor dem Mauerfall habe ich einmal das Leipziger Gewandhausorcher gehört. Sie haben hier in London den Egmont gegeben, von Beethoven. Kenne sie den?«

Natürlich!, lüge ich.

»Das war wunderbar. Wunderschön. Kurt Masur. Überwältigend. Jahre vorher habe ich die Berliner Philharmoniker gehört, aber eines können sie mir glauben: Das Gewandhausorchester wischt mit denen den Boden auf. Bei dieser Aufführung habe ich außerdem begriffen, what freedom really means. Only trough the music.«

Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Drei. Es könnten auch Millionen gewesen sein. Die gesamte Abbey steht still. Das Universum verteilt Geschenke und wir sind wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

»Wo liegt Leipzig eigentlich genau?«

»Nahe Dresden!«. Warum sage ich das? Weil Briten und Dresden und Adolf Nazi und so weiter? Keith übergeht es entweder oder... Er übergeht es. Wir kennen uns ein Leben lang, er ist da einfach rücksichtsvoll.

»Was sollte ich denn ihrer Meinung nach besuchen? Dresden oder Leipzig?«

Wer so mäßig Englisch spricht wie wir, ist zwangsläufig wenig diplomatisch. »Off course Leipzig!«. Ich bringe die Vorzüge auf die Waage: Repräsentative Residenzstadt hier, bürgerliche Wende-Demos da. Und schon sind wir beim Brexit. Keith hat mit einer der Hälfte der Briten für Leave gestimmt. »Wissen sie, Westdeutschland hat es damals richtig gemacht. Die haben die Italiener im Winter kommen lassen und im Sommer wieder heim geschickt. Ebenso die Türken. Aber schauen sie sich London an. Ich schätze, vierzig Prozent der Leute hier sind... also kommen aus... also die Eltern dieser Leute sind nicht in London geboren. Dass wir die EU verlassen wollen, liegt nicht an Leuten wie Ihnen, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Aber hier kommt irgendwie die ganze Welt her. Das funktioniert so nicht.«

Wir schütteln uns zum Abschied die Hände. Ich kann nicht sagen, dass ich Keith nicht verstehe, vor allem da ich seine Meinung nicht teile. »Da unten«, ruft er uns nach, »ist übrigens die älteste Tür Englands zu sehen. Das mögen die anderen Besucher auch immer. Aber passen Sie auf. Damals waren die Menschen noch viel kleiner als heute!«

Wir wollten die Katze sehen! Erschüttert stellen wir fest, dass an Downing Street Number 10 kein Herankommen ist. Alles vergittert und bewacht und beäugt.

Das erste Mal in einem Pub. Londoner Frischbier. Steak Pie. Fish and Chips. London ist verrückt genug, dazu Modern Talking durch die Boxen zu schicken. Da es sich dabei aber um das Lied Brother Louie handelt und heute der Geburtstag des gleichklingenden Prinzen ist, geht das wohl in Ordnung. In der Ecke sitzt ein alter Mann vor einem fast leeren Bier und wackelt zur Musik mit dem Kopf. Dass er wie Harry Rowohlt aussieht, macht die Sache nicht weniger skurril.

Alles kommt zu dem, der warten kann. Fielen gestern noch Millionen von Touristen über die Stadt her, sind es heute die Werktätigen, die aus ihrer Osterpause zurück kehren. Vorteil: Die wollen alle nur in ihre Büros, aber nicht wie wir zu Madame Tussaud‘s. Vielleicht ist das der größtmögliche Kontrast zu Westminster Abbey unterhalb eines Bordellbesuchs, vielleicht aber auch nur die konsequente Fortsetzung. Ruckzuck drin gewesen. Irre unterhaltsam, absolut lohnenswert. Stelle fest, dass ich auf männliche Prominente abfahre. Eine Ausnahme: Das ätherische Wesen Nicole Kidman, bekannt aus »Die BMX-Bande« und »Paddington«. (Come on, was haben Sie jetzt erwartet?) Dieser sei hoch anzurechnen, dass sie immens viele Mittel in kosmetische Chirurgie steckt, um irgendwann einmal wie ihr Tussaud-Pendant auszusehen.

Wenn man einmal die Leute beiseite lässt, die qua Sozialisation nicht an die Sitten und Bräuche des Commonwealth gekoppelt sind, finden sie in Ostdeutschland höchstens zwei bis drei Dutzend Leute, die auf Cricket abfahren. London spielt dabei eine besonders herausragende Rolle, denn hier hat der LORD'S Cricket Club seine Heimat. Das ist nicht nur einer der traditionsreichsten Clubs dieses Sports auf der Welt, sondern auch Home of Cricket. Die Regeln dieses Sports werden hier Thora-gleich aufbewahrt und gepflegt. Nur ein paar Schritte ins Stadion, ein, zwei Schnappschüsse hätten mir genügt. Aber nix da. Alles Bitten war vergebens. Ich solle eine Tour für 30£ buchen. Derweil rennen Mütter mit ihrem Spielernachwuchs an mir vorbei. Abgelehnt werden von Dingen, die man liebt – Exposition großer Dramen.

Wenn Du dazu gehörst, steht dir alles offen. Aber wehe, du stehst vor der Tür. Hast keine Mittel. Oder Namen, Blut, Titel, Gesundheit, Heimat, Mitgliedschaft, Hautfarbe. Dann lässt dich diese Stadt eiskalt draußen. Im allgemeinen Gesundheitssystem. Auf dem Jobmarkt. Oder ganz banal vorm Cricket-Stadion. Distinktion als Motivation?

Still lovin' London. Fortan aber nicht mehr ganz so blind. Habe ja auch noch eine Ehre.

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1 Erwähnungen (Mention)

Clara Cosmos
Clara Cosmos

Mal mit einer Liebe ins Gericht gehen (→)

2 Erwiderungen (Response)

Peter Plener
Peter Plener

Das sind sehr feine Reiseberichte. …weiter lesen »

Libralop? Hulot!
Libralop? Hulot!

Oh Mann, vielen Dank! …weiter lesen »

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