Der demütige König


A space oddity

Annie?

Ja, Dave?

Wollte nur wissen, ob du noch da bist.

Natürlich Dave.


Ich hatte mir niemals etwas aus Alkohol gemacht, ebenso wenig aus Zigaretten oder all dem anderen Kram. Mit meiner Gesundheit stand es immer zum besten. Krankheiten waren Angelegenheiten der Anderen. Zwar brach ich mir einmal den Arm, doch heilte alles innerhalb von zehn Tagen komplett aus. Waren die einzige Zeit die ich in der Schule fehlte. Bestnoten, Einser-Stundent, Stipendiat im Programm, Abschluss nach fünf Semestern, Promotion nach sieben. Ich bin ein verdammtes Wunder.


– Schwanger? Wie kannst du schwanger sein?

– Das war hoffentlich eine rhetorische Frage.

– Nein, ich meine: Wie? Also: Wann? Warum? Hast du denn nicht vorgesorgt?

– Natürlich habe ich das. Aber manchmal passiert so etwas eben.

– Aber das geht nicht! Nicht… jetzt!


Die Einladung zum Programm kam am selben Tag wie meine Annahme an der Akademie. Neben mir waren noch sechs andere Männer einbestellt worden. Im Gegensatz zu ihnen war ich der einzige, der sich nicht beworben hatte. Am Ende war ich der, den sie haben wollten. Hätte ja nie gedacht, dass die mich tatsächlich hoch schießen.


– Es ist aber schon in vollem Gange, jetzt, und morgen und die nächsten, sagen wir: 30 Wochen. Ich dachte, du freust dich…

– Ja, natürlich, ich freue mich ja…

– Ach?

– Sehr sogar. Irgendwie.

– …

– Ja. Ich freue mich.


Trident 12 war auf direktem Kollisionskurs mit der Erde, bis wir den Klumpen umgelenkt haben. Wir waren Helden. Irgendwann wurde es Routine. Das hätte uns zu denken geben sollen: Der Tunguska-Einschlag war das erste Mal. Dann Ruhe. Dann fast monatlich ein Einsatz, mal größer, mal kleiner, mal näher. Die Medien nahmen es mit der Zeit immer weniger ernst. Die Berichte waren mal größer, mal kleiner, immer entfernter. Weshalb hatte niemand bemerkt, dass uns die Einschläge immer empfindlicher trafen? Warum war es mir entgangen? Oder wussten sie es?


– Annie?

Ja, Dave?

– Wie viel ist noch drin?

Zwölf Einheiten.

– Zwölf? Wie weit kommen wir damit?

Der komplette Ressourcenbestand wird in weniger als einer Stunde aufgebraucht sein. Grundlage der Schätzung: Extrapolation des bisherigen Verbrauchs. Voraussetzung für das präzise Eintreffen der Prognose…

– Ja, ich weiß. Beibehaltung der Stoffwechsel- und Atemquote. Danke.


Die Seuche kam aus dem Nichts. Erst fielen die Metropolen, dann die Städte, dann die Dörfer. Zum Schluss gab es nur noch abgeriegelte Militärbasen und hermetisch versiegelte Bunker. Wir hausten in zementierten Löchern, nannten es Leben und dachten an das Ende, bis der Befehl kam, und uns genau das verbot. Das eigene Finale durfte fortan kein Thema sein. Das der Welt sahen wir durch die Augen der Drohnenkameras. Daran brauchten wir keinen Gedanken mehr zu verschwenden. Kopf leer machen. Kopf frei halten. Dieser und jener verließen den Bunker. Wollten sich durchschlagen, auf die Inseln. Dort ging es wohl noch mit rechten Dingen zu, munkelte man. Ihr Kalkül: Schaffe ich es raus, bin ich Sieger. Werde ich krank, gehöre ich zum Team der Sieger. Ein reizvoller Deal. So oder so.


– Es ist so… schwarz.

Kontextfehler. Ich verstehe diese Anweisung nicht. Was ist "so schwarz", Dave?

– Da draußen. Das Weltall. Nichts ist übrig von dem, was unser Ursprung ist.

Gemäß anerkannten Theorien ist das Universum aus einer Singularität heraus entstanden. Somit ist alles grundständig aneinander gebunden. Somit ist alles als verwandt zu betrachten. Somit ist das "da draußen" Teil dessen, was ihr Ursprung ist. Somit sind Sie, Dave, das Universum. Somit ist…

– Danke Annie. So genau wollte ich gar nicht… Ruhemodus an.

Ruhemodus aktiviert. Warte auf weitere Anweisungen.


Manch einer entdeckte in diesen Tagen seine Religiosität. Ich den Schnaps. Agnes warf mir vor, dass das bei mir keinen Unterschied machte. Mit einer Flasche kam ich über den kompletten Monat, die Enthaltsamkeit der vorangegangen Jahre lies mich bereits für kleine Gläser mehr als empfänglich sein. Das Dumme am Suff ist bloß, dass er irgendwann endet. Aber vielleicht ist das mit dem Glauben nicht viel anders.


Agnes.

Rote Haare. Wunderschön. Kosmolinguistin, ein Herz aus Gold hinter einem Lächeln aus Sonne. Sprach zwei Dutzend Sprachen und konnte selbst vier Stunden nach Mitternacht noch Kaffee trinken, gerne mit Whisky, ohne ihren Glanz zu verlieren. Ich hatte in meiner Sammlung ein Lied gespeichert, in dem Russisch gesprochen wurde. Keine Ahnung, worum es da ging, aber es klang in seiner mütterlichen Sanftheit wie die schönste Geschichte, die jemals erzählt wurde. Vielleicht war es auch nur ein Kochrezept für Suppe. Eines Tages hatte ich alles so arrangiert, dass sie in meinem Büro saß und ich es ihr vorspielen konnte. Sie lauschte und übersetzte mir, und ihre Stimme wurde eins mit dem warmen Gemurmel des Liedes.

– Ein König wurde von einem Zauberer bestraft, weil er nicht demütig war. Da nahm er ihm seine Kinder, das einzige, was er je geliebt hatte, und verdammte ihn zum Zusehen.

– Zum Zusehen?

– Er konnte seine Kinder sehen, aber sie erkannten ihn nicht, fanden ihn gar abstoßend. Es zerriss ihm das Herz, aber hätte er sich ihnen offenbart, wäre er durch ihre Hand gestorben. So wuchsen sie auf, ohne von ihm zu wissen oder auch nur zu ahnen. Aber der Fluch war ewig, und so sehr sich der König auch demütig zeigte, so konnte er doch nicht durch Reue den Zauberer zur Rücknahme bewegen. So lebte er in tiefer Gram, bis er auf dem Sterbebett erkannte, dass er ihnen doch etwas sehr Wertvolles gegeben hatte.

– Das Leben.

– Auch. Er hat sie aber darüber hinaus nicht zu Mördern seiner selbst werden lassen. Schlussendlich hatte er gewonnen, weil er die lebenslange Trauer in Kauf nahm. Denn damit hatte der Zauberer nicht gerechnet.

– Traurig…

– Ist das eine Frage?

– Er konnte doch seine Kinder wenigstens sehen. Wäre es nicht bedeutend schlimmer, sie vollkommen zu verlieren?

– Lass mich raten: Du hast keine Kinder?

– Nein. Aber… Was hat das damit zu tun? Die Kinder denen das erzählt wird, haben doch auch keine.

Das ging in die Hose, aber richtig. Doch Agnes gab mir noch eine Chance und zwei Jahre später war ich dann selbst Vater. Mickey.


Aktuell stehen wir bei sieben komma fünf.

– Annie?

Ja, Dave?

– Hast du ein Signal?

Präzisieren Sie bitte die Anfrage.

– Du weißt was ich meine.


Handbuch der Bodenstreitkräfte, Stichwort »Endseuche«

Offizielle Sprachregelung: Vormalige Personen. Stellen nach Abschluss der Kontaminierungsphase und vollständiger Transformation in der Nähe noch nicht infizierter Menschen eine Gefahr dar. Auch wenn ihr Äußeres vollständig dem bekannten Bild zu entsprechend scheint, ist doch ihr eigentliches Wesen erloschen. Gehen sie gegen diese Entitäten mit größtmöglicher Effizienz vor. Sie haben keinerlei Sanktionen religiöser, weltanschaulicher, moralischer oder juristischer Art zu befürchten. Es handelt sich hierbei um nicht akzeptable Lebensformen ohne Personenstatus.

Empfohlene Gegenmaßnahmen

Großflächige Gebietsbereinigung durch Einsatz thermo-nuklearer Operationsmittel stellt die effektivste Art der Gegenwehr dar. Potenzielle Kollateralschäden sind nachrangige bis irrelevante Verhinderungsgründe. Empfohlene Trefferzone beim Einsatz konventioneller Bewaffnung: Kopf, vorzugsweise durch die Augen- bzw. Ohrenöffnungen. (Siehe Abb. 86a-r und Anmerkung XIV) […]

Anmerkung XIV

Machen sie sich immer wieder bewusst, dass es sich bei vollständig Transformierten um eine Bedrohung der gesamten menschlichen Art handelt. Zwar konnte vereinzelt durch Maßnahmen strengster Quarantäne eine Retardation des Krankheitsverlaufes erreicht werden, jedoch handelte es sich dabei lediglich um einen kurzfristigen Aufschub, welcher nur unter streng laborabhängigen Rahmenbedingungen realisiert werden konnte. Unmissverständlich klar sollte sein: Es gibt definitiv keine Heilung. Die Gnade des Einzelnen bedeutet Infektion. Die Infektion des Einzelnen bedeutet das Ende Aller.


– Annie?

Ja, Dave?

– Hast du Daten von der Basis?

Einen Moment bitte. Scanne… Keine akzeptierten Lebensformen erfassbar.

– Und?

Scanne… Dreißig Entitäten in der Basis. 3425 in Zone Rot. Mehrere Zehntausend in Zone Gelb. Mehrere…

– Danke, das reicht.


Wenn ich ganz still bin, höre ich, wie Partikel an die Außenwand meiner Raumkapsel stoßen. Pling. In der Stille löst sich jeder Ton zur Erinnerung an das auf, was wir hatten. Wo kamen wir her? Wo wollten wir hin? Wann sind wir falsch abgebogen? Müssen wir über Schuld reden? Wenn ja: Mit wem? Pling. Höre ich weiter zu, werde ich verrückt, doch nicht hin zu hören ist nicht möglich, zurückkehren sowieso.

Hinten, im Hibernakulum, dämmern Agnes und Mickey durch ihr eigenes Weltall. Künstlicher Tiefschlaf. Pling. Und auch wieder nicht. Doch. Vielleicht? Ja, ich kenne die Einlassungen des Handbuches. Nein, ich glaube ihm nicht. Ich war noch NIE krank, ich krieg das hin, ich überstehe das. Pling. Wenn das Handbuch meint, dass alles nutzlos ist, dann sicherlich nur, um uns keine falschen Hoffnungen zu machen. Das ich sterblich bin, muss mir erst einmal jemand beweisen. Der Bordcomputer zeigt mir noch Energie für eine halbe Stunde an. Ich gebe uns nicht auf. Agnes ist schwanger, noch. Niemand kann wissen, was in ihr wächst, ob es von Geburt an die Seuche hat oder für alle Zeit resistent sein wird. Tod oder Hoffnung. Pling. Hoffnung auf was, wofür, für wen? Pling. Ich krieg das hin. Vielleicht treffe ich ja Gott irgendwo, dann frage ich ihn mal, was der ganze Scheiß hier sollte.


Im Grunde ging alles ganz schnell. Mickey war das kleinere Problem, den konnte ich locker unter meinem Mantel verstecken. Nur bei Agnes musste ich sehr vorsichtig sein. Ich hoffte, dass sie den Köder schlucken und die Kunstschlaf-Barbiturate das Baby nicht abgehen lassen würden. Als sie wegdämmerten, fuhr ich sie zur Rakete. In all dem Trubel würde das keiner mitbekommen. Wir brauchten nur noch die Türen schließen und ab ging es: Richtung Sonne. Zur Freiheit. Wie bitter, aber es stimmte: Verglichen mit dem Zustand auf der Erde war die "Prometheus" das Paradies. Wir mussten in diesem Rettungsboot aus Stahl nur noch die Raumstation erreichen und uns gehörte das Universum. Pläne sind gut, sie halten einen am Leben. Die Kranken haben keine Pläne, die haben eigentlich gar nichts mehr. Nur noch ihren Trieb und genügend Kraft, um vorwärts zu schlurfen. Die sind zwar noch nicht gestorben, aber lebendig ist da nichts mehr.


– Annie?

Ja, Dave?

– Statusbericht.

Der komplette Zusammenbruch aller Lebenserhaltungssysteme steht unmittelbar bevor. Entfernung zur Raumstation: 25 Stunden bei gleichbleibender Geschwindigkeit.

– Und das Hibernakulum?

Keine akzeptierten Lebenszeichen. Zwei Entitäten. Stabil.

– Annie?

Ja, Dave?

– Kennst du das Märchen vom König, der seine Kinder nur noch sehen, aber nicht mit ihnen reden durfte? Erde, russisch.

Text in Datenbank vorhanden. Vortrag?

– Ja. Bitte.

Es war einmal ein König…

– Annie?

Ja, Dave?

– Lass dir Zeit.


Für Jochen Dreier – Großartigen Arbeit: »Zombie 2.0«!

https://libralop.de/tagebuch/der-demuetige-koenig