Der Tod im Taxi

Willkommen! Sie lesen soeben beim »Größten Assi, den es gibt und je gab«!

Ein Zittern darüber, wie ich heute den Berufsverkehr gerade noch so überlebte.

Die Szene besteht aus einem Feierabendstau, einem Radweg, einer großen Kreuzung und einem Aufstellstreifen für Radler. Das bin übrigens ich. Der Fahrradfahrer. Gut sichtbar, gut beleuchtet, gut behelmt. Hände raus beim Abbiegen und Schulterblick – Ehrensache!

Quelle ADFC München

Falls Sie sich fragen, was ein Aufstellstreifen ist – siehe Bild. Als Radler erlaubt mir die StVO in §5, Absatz 8 bei ausreichendem Raum, »Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts (zu) überholen«. (Quelle ADFC, auch das Bild)

Da ich von einem abgetrennten Radweg an die rote, zugestaute Ampel komme, bin ich hier sicher und gefährde auch niemanden. Der Gegenverkehr beginnt zu fließen, meine Seite muss warten, kein Auto bewegt sich. Der Radweg endet für mich als potenzieller Linksabbieger in dieser Zone vor der Auto-Haltelinie. Ich fahre also nach vorne, kurve nach links vor die Kolonne und stehe, wie die Radler auf dem Bild. Hand raus. Alles ist gut. Dachte ich.

Es wird Grün. Aufstieg, Losradeln. Schulterblick nach Rechts, eigentlich sinnlos beim Linksabbiegen. Heute aber Lebensretter. Wo eigentlich niemand stehen, gehen, fahren sollte, überholt mich ein Taxi. Zweineinhalb Tonnen Stahl mit einem Rambo kurz vor Renteneintrittsalter. Reflexhaft reiße ich den Lenker wieder nach links, um nicht von ihm zu Tode gekreuzt zu werden. Absichtlich versperrt er mir die Möglichkeit, auf den Radweg zu fahren. There will be blood.

»Du bist der größte Assi den es gibt!«, schreit er mich noch auf der Kreuzung an. Ich versuche erschrocken nicht vom Rad zu fallen, in die Hose zu pinkeln oder hier und heute abzuleben. Eventuell sogar in dieser Reihenfolge. Jemand schreit »Das ist eine Haltelinie vom Radweg!«. Das bin ich. Ich kann es sehen, von weiten, von außen, von oben. »Du bist der allergrößte Assi, den es gibt!!!«, wiederholt sich der Taxi-Adolf, ohne vom Gas zu gehen. Kurz vor mir schert er auf meiner Spur ein. Will kurzen Prozess machen.

Ich gehe in die Eisen, stundenlang, lasse los, stundenlang, trete rein, irgendwann. Er versucht sich zu verpissen. Ich sitze wieder auf dem Rad. Bleibe dran. Wolverine ist in diesem Moment ein Schnurrkater gegen mich. Zweihundert Meter später biegt er ab, in den Krankenhaus-Komplex. Pech gehabt. Jetzt krieg ich dich.

Er hält. Scheibe runter. Ich stehe direkt neben ihm. Er: Assi! Ich: Radweg! Ad infinitum.

Alle Versuche, dem Typen zu erklären, dass er hier saftige Selbstjustiz begehen wollte, schlagen fehl. Assi. Assi. Größter Assi. Mehr ist nicht drin. Oder doch: »Du Assi, du eierst da vor mir rum, du Assi!«. Ich sage ihm, dass er sicher heute noch ein paar Mal dort langfahren wird. Da kann er sich gerne nochmal das Design der Kreuzung anschauen und vielleicht begreifen, was für eine Scheiße er hier abziehen wollte. Jetzt dreht er richtig auf und will aussteigen, mich dabei nochmal vom Rad checken, denn ich stehe noch immer direkt vor seiner Tür. Ich knalle sie direkt wieder zu.

Das war zu viel für ihn. Das Assi haspelt sich in ein undefinierbares Gebrabbel der Überraschung hinüber. »Höre off!« säggselt er mir entgegen und versucht es gleich nochmal. Türenknallen. Ich retourniere wie beim ersten Mal. Das Gelb seiner Augen wird zu einem adrigen Rot. Adern treten hervor. Spucke fliegt. Aus dem Assi wird eine Drecksau. Yadda Yadda. Ab hier im Osten nix neues.

Ich drehe ab, will los. Wir sind beide nicht in der Verfassung, zur Rationalität zurück zu kehren. Rufe ihm hinterher, dass es Leute wie er sind, die seine und andere Enkel und Urenkel im Straßenverkehr über den Haufen fahren. Die gekränkte Ehre des Berufskraftmörders blitzt nochmal auf. Er macht einen schnellen Schritt auf mich zu. Ich rolle ihm sanft über den Fuß. Selber Schuld, wenn er mir vors Rad springt, um mich auszuknocken. Entgeistert boxt er nach mir. Ein leidlicher Schwinger streift meine Rippen.

Ich hätte ihm die Mütze klauen sollen. Für den Weltfrieden.
Denn es ist ja bekannt: Autofahrer mit Hut sind die schlimmsten.

Kommentare

Stefan
16.08.2019 · 16:11 Uhr

Libralop
16.08.2019 · 16:37 Uhr

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6 Erwiderungen (Response)

Neto
Neto

was will man mehr Libralop? Hulot! 🇳🇬 Libralop? Hulot! 🇳🇬 …weiter lesen »

fräulein_wankelmut
fräulein_wankelmut

Ich muss sagen: Ich finde es gut, dass Sie ihm hinterher sind! Auch wenns scheinbar leider nichts gebracht hat... passen Sie auf sich auf! Libralop? Hulot! 🇳🇬 Libralop? Hulot! 🇳🇬 …weiter lesen »

Libralop? Hulot! 🇳🇬
Libralop? Hulot! 🇳🇬

Keine Ahnung, was ich mir da eigentlich gedacht habe. Einsicht vielleicht. Zeigt einfach nur, wie arglos ich manchmal dieser Welt gegenüber stehe. Aber ja, ich bleibe vorsichtig. fräulein_wankelmut …weiter lesen »

Francine123
Francine123

Gruslig, ganz gruslig. So viele Idioten. Ich habe ehrlich gesagt auf vielen Kreuzungen immer Muffensausen und verstehe alle, die dann einfach illegal auf dem Fußweg fahren. Libralop? Hulot! 🇳🇬 fräulein_wankelmut Libralop? Hulot! 🇳🇬 …weiter lesen »

Libralop? Hulot! 🇳🇬
Libralop? Hulot! 🇳🇬

Ganz so weit würde ich nicht gehen. Aber ich pflichte Ihnen bei: Es herrscht auf Deutschlands Straßen kein wirkliches Miteinander. Dabei wäre es so einfach: Die Stärkeren achten auf die Schwächeren. Eine Regel, die auf wirklich jede Situation passt. fräu… …weiter lesen »

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