Deutschland, deine Geister


Der Autodidakt aus dem Heizungskeller oder wie das Feuilleton im Sitzen pinkelt

Auch wenn es viele nicht glauben, aber es gab tatsächlich einmal fetteste deutsche Literatur neben Goethe, Schiller und diesen Känguru-Büchern. Zu ihr gehört der in der DDR geborene, sehr großartige Wolfgang Hilbig. Über ihn erschien Ende letzten Jahres eine Biografie, auf deren Rezension ich zufällig stieß. Dort lobt die Artikelautorin den Biografen. Er begehe "…glücklicherweise nicht den klassischen Fehler […] aus dem Porträtierten einen Heiligen zu machen". Das ist fein und wichtig.

Knackig wird es aber am Ende, wenn sie schreibt:

Stattdessen wahrt er angenehm Distanz. Und verschweigt auch die menschlichen Schwächen von Wolfgang Hilbig nicht, der nicht nur phasenweise ein schwerer Alkoholiker war und vierzig Zigaretten täglich rauchte, sondern auch ein sehr scheuer, launischer und unpraktischer Mensch. In Gemeinschaft fühlte sich Hilbig schnell unwohl. Besucher empfand er oft störend. Und die lästigen Haushalts- und Alltagspflichten delegierte er ungeniert an seine Partnerinnen weiter, während er selbst tagsüber schlief, um dann erst nachts, ganz alleine für sich, an seinen Texten zu arbeiten. Das alles macht diesen Schriftsteller nicht unbedingt sympathisch. […]

Gisa Funck im Deutschlandradio über die Hilbig-Biografie

Deutsches Feuilleton in Bestform: Das Genie habe bitteschön gesellig zu sein, bittesehr gesund zu leben und zu sein, gefälligst den Aufwasch zu erledigen und wenigstens innerhalb der staatlich anerkannten Kernarbeitszeiten zu wirken.

Der Deprivation des Ostens entkommen, um im Westen wohlmeinend geschlachtet unterzugehen.
What a time to be dead!

https://libralop.de/tagebuch/deutschland-deine-geister
Tags: Schreibstube

8 Kommentare

liuea 28.06.2018 ~ 08:41 Uhr.

wie verrückt diese Welt ist, die Goretex-Oberflächen der Polierten verschleiern das Elend auf dessen Kosten diese Kompensation möglich ist, die so bitter gebraucht wird weil der eigene Inhalt im Koma liegt. Statt sich auf die Suche nach dem Kern des Erlebens zu machen wird hingehackt auf denjenigen, der um seine Gezeichnetheit/Verantwortung weiß.

Liuea 28.06.2018 ~ 09:06 Uhr.

Vielleicht tu ich denen auch sehr unrecht. Dieses mich von perfekt weit entfernte schief anschauen macht mir halt sorgen. Keine Ahnung.

liuea 29.06.2018 ~ 08:25 Uhr.

Sagrotan sollte ja das Gegenteil von Graus bewirken, es ist ein Witz, bei mir löst diese aseptische Glätte enormen Widerwillen aus. Mein zweiter Kommentar tut mir bereits leid. Man sollte niemanden verurteilen aber diejengen die andere abwerten wohl schon sachte darauf hinweisen, dass der Mond, den sie verlachen nur von ihnen selbst nicht rund und schön gesehen wird.

Libralop 29.06.2018 ~ 09:06 Uhr.

Liebe Liuea, ich wollte Dir bereits anbieten, den zweiten Kommentar zu löschen, wenn er Dir solch Unbehagen bereitet. Dann las ich ihn aber noch einmal und dachte mir, dass es eine Schande wäre, so ein wunderbares Beispiel von persönlicher, empathischer Differenziertheit zu zerstören.