Die Unterseite eines grünen Blatts


Für I.

Auf dem Dach des Waschhauses toben Kinder herum. Ich sitze am Küchentisch und warte. Durch das trübe Fenster auf das Gebrüll des Obersturmbann-Rentners über mir. Inmitten von alten Möbeln auf eine Idee für die Tasten vor mir. Oder vielleicht nur auf das Ende. Wer weiß das schon. »…und das Beste von heute!«. Telefon. Hank fragt, was ich so mache.

– Nichts.

– Wie immer?

– Wie immer.

Hank ist einer der wenigen, die ich nicht anlüge. Seine Gabe: Die Welt so auszudrücken, bis sie sich selbst erkennt. Er ist das Requiem für jedes Gelaber. Entweder begibt man sich mit ihn durchs Leben, oder man lebt einfach so in den Tod hinein. Hank hat alles schon erlebt. Sogar den Tod.

– Klingst wie jemand, der ein schwarzes Loch hat, entweder im Kühlschrank oder im Kopf. Willst Du mal raus kommen?

– Weiß nicht.

– Gute Antwort. Ich weiß es. Du kommst.

Hank weiß alles. Ich gehe.

Mal nicht die Rennbahn oder das Stadion, auch gut. Wir kurven durch die Nacht. Als ich den Kopf zurück lehne, sehe ich durch das Glasdach die Sterne und die Sonne. Und wieder die Sonne. Und wieder. Wieder. Die Sonnen sind eine Strecke aus Natriumdampflampen, die den Weg in die Trabantenstadt zeigt, wo man vorschriftsmäßig zu verrotten hat. Nichts ist wirklich, alles funktional. Wir nehmen den entgegengesetzten Weg. Hank raucht, irgend einen alten Indianerstrumpf, wie er immer meint. Sonne. Sonne. Sonne. Ich döse weg.

In der Lagerhalle stehen hundert Meter lange Regale und biegen sich unter der Last des Trödels, den jemand dort hinein drapiert hat. Eine gigantische Vernissage der Langeweile und unüberbietbare Scheckbuchwerdung des schlechten Geschmacks, gehalten von dürren Blechplatten und wackeligen Standbeinen. Aller zehn Meter ist ein Durchgang, damit man sich auch die anderen Stellstrecken ansehen kann. Alles ist rot, die Wände, die Sitzecken, die Tabletts mit den Sektgläsern, sogar der Sekt saugt alle Farbe seiner Umgebung in sich auf.

Ihr blaues Kleid ist eigentlich Weiß, vielleicht auch gelb, ich kann das nicht mehr auseinanderhalten vor lauter Rot um mich herum und Fusel in mir drin. Blumen. Schleifen. Flattern. Das erste wirklich Aufregende heute Abend, das ist mal sicher. Als ich ihr nachlaufe, verschwinden die Menschen um mich herum, nur noch sie ist da. Links. Rechts. Rechts. Rechts. Links. Ich verstehe, das ist so eine Art Versteckspiel. Rechts. Links. Stille.

Entweder mach ich mich zum Idioten und suche sie weiter in dieser riesigen, menschenleeren Halle. Oder ich bleibe einfach stehen und bereue mal wieder eine vergebene Chance. Plötzlich steht sie hinter mir. Ganz warm, ganz weich, ganz nah, so süß, so fest, so salzig. Vibrationen. Rundungen. Sie duftet nach allem und vor allem: Verboten. Mein Körper pumpt und ich lasse ihn raus aus seinem Gefängnis.

Ich bin mir sicher, dass sie etwas gesagt hat. Nur was? Die Angst vorm Ende der Welt drängt mich, ihren Duft aufzusaugen. Lippenbewegungen, roter schwingender Glanz. Auf jeden Fall irgend ein Zuspruch. Blut rauscht durch meine Ohren. Ihre Wärme macht mich rasend. Sie ist es. Sie hat alles. Wir sind die einzigen Teile eines Puzzles des wolkenlosen Himmels. Es ist egal, wer wo wie liegt, es passt überall. Absolute Vervollständigung. Die Kerbe in meiner Mitte, sie vermag sie zu füllen, sie macht mich, wir machen uns komplett.

Ein Gedanke lässt mich erstarren: Habe ich nicht eine Frau? Wäre das hier Betrug? Wo ist Hank? Was würde er sagen? Vielleicht Nö!, weil es kein Betrug ist, wenn ich zu mir finde? Weil die Frau daheim einfach nicht passt, mich zermürbt, einsperrt in ihr Hochsicherheitsgefängnis zusammen mit ihrer Verlustangst namens Zukunft? Blass. Welk. Grau. Schuldlos. Ich werde zum Verräter, entweder an ihr oder an mir.

Sie berührt meinen Nacken und ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der so frisch, ewig und voller Leben war. Meine Hand fährt von ihrer Hüfte hinauf zum Hals, hinein in wundervolle rote Haare. Keine Geilheit, nur Vertrauen. Weil das reicht. Ich will sie. Ich will sie. Ich will–aufgewacht.

…schlechtes Gewissen, schlechtes Gewissen, schlechtes Gewissen. Jeder deiner Atemzüge neben mir schreit mich an: Verrat! Es funktioniert noch immer, ich versage, wo ich doch unbedingt bestehen will. Zwei Lichtfinger streichen durchs Fenster an der Wand hinauf und verstreuen sich unter entferntem Brummen an der Decke. Zigarettenduft schmuggelt sich durchs angekippte Fenster. Puls. Blut rauscht durch meine Ohren. Deine Wärme macht mich rasend. DU warst das! Als ich dich küsse, bleibt eine Träne in deinem Haar hängen. Eine Amsel fliegt in den Sonnenaufgang. Blätter fallen auf den Boden.

So rot.

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