Dieser eine Moment

Interview with a Vampire

Dieser eine Moment. Vielleicht die letzte Chance. Man kann hier nur gewinnen. Sagten alle. Das Land. Die Macht. Alle haben das gesagt. Da habe ich mich eben gemeldet. Verantwortung übernommen. Habe nicht gezuckt. Wie ein Mann. Denn einer muss es ja machen.

Die Partei? Nein, die spielt keine Rolle. Mittel zum Zweck, nicht mehr. Das erkennt man aber nur, wenn man drin ist. Und oben. Ich weiß, von außen wirkt das für Sie alles geschlossen, als denkt, spricht, verspürt jeder hier den selben Gedanken, die selbe Sprache, den selben Antrieb. Wir ziehen am selben Strang und das sogar in die selbe Richtung. Hm. Vielleicht gibt es wirklich noch ein paar, die so denken. Doch die sind unten. Und weil sie so denken, werden sie es auch bleiben. Schwärmer. Demokraten. Idealisten. Machen Sie es ihnen nicht zum Vorwurf. Ich tue es ja auch nicht. Verdirbt den Charakter.

Was sollte denn auch aus ihnen auch werden, wäre ich nicht ihr Leitwolf? Schauen Sie sich diese Leute an – was sehen Sie? Ich kann Ihnen sagen, was ich sehe: Verpasste Gelegenheiten. Einmal zu lange gezögert, an die Familie gedacht, die Zukunft, die Karriere oder gar das – entschuldigen Sie bitte wenn ich jetzt schmunzeln muss – Land. So ein kleiner Moment. Schon sahen sie mich nur noch von hinten. Die Wenigen, die dachten, sie würden lange genug durchhalten, sitzen nun in einer Ecke und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Ich sage es Ihnen: Nichts. Sie waren nicht schlechter als ich, sie waren nicht besser als ich. Aber eine kleine Indiskretion hier, eine Abweichung vom Geist der Wähler da. Und natürlich jemanden, der ihnen an der richtigen Stelle einen Spiegel vorhielt und das Zauberwort sagte. Entschuldigen Sie, ein Anruf…

Welches Zauberwort, fragen Sie? Das ist vollkommen egal. Es ist ein Köder, ein künstlich mit Bedeutung aufgeladener, aber letztlich nur leerer Sack warmer Luft. Wenn Sie so wollen: eine Ablenkung. Solange diese Leute damit beschäftigt sind, in ihrem Spiegelbild einen Fehler zu finden, den es gar nicht gibt, und versuchen, ein Zauberwort zu verstehen, das keinen Sinn hat, machen sie genau eines nicht: Hinter den Spiegel schauen. Warum glauben Sie, tänzeln Zauberer auf den Bühnen um halbnackte Frauen? Damit das Volk abgelenkt ist und nicht sieht, was vor sich geht. Wobei es das ja auch nicht wissen will. Und wer kann so langen Beinen in Nylons und glitzernden high heels widerstehen? Sagte ich Volk? Ich meinte natürlich: Publikum. Welcher Künstler lässt sich schon gerne reinreden?

Ich habe Spiele wie diese nicht zum ersten Mal gewonnen. Sie glauben gar nicht, welche Angst in gestandene Männer fährt, wenn man sie mit Kinderfotos konfrontiert. Genau solche, die sie auch bei sich daheim besitzen. Nur dass deren Frauen nie auf den Fotos mit drauf sind. Seltsam, oder? Dafür aber andere. Manchmal sind es tatsächlich nur Bilder von Frauen. Oder Männern. Die sind aber manchmal etwas unscharf und lassen nur erahnen, was sich hinter den blind gekeuchten Scheiben eines im Wald geparkten Autos verbirgt.

Schauen Sie sich die dort hinten. Sehen Sie die junge Frau, wie sie wie besessen auf ihrem Smartphone herum tippt? Das ist der neueste Trick. Sie geben ihnen die Illusion von Verantwortung, einen Twitter-Account, flüstern ihnen die Vision einer strahlenden Zukunft als heilige Michelle Obama der Schlachthöfe ein und schon produzieren sie in weniger einer Woche so viele selbstvernichtende Statements, wie good ol‘ Clinton in zwei Amtszeiten. Funktioniert jedes einzelne Mal. Sie müssen die Informationen nur erkennen, sammeln und archivieren. Doch auch das brauchen Sie nicht selbst zu erledigen. Sehen sie den dünnen kleinen Kerl neben ihr? Der ihr so aufdringlich unauffällig gefallen möchte? Serviert sie ihn ab, nimmt man ihn väterlich zur Seite und gibt seiner Rache eine Richtung. Eine eigenen kleine Honigbiene, die über die Wiese der Eitelkeit brummt und fleißig Informationen sammelt.

Merke: Wer nicht mit am Tisch sitzt, kommt auf die Speisekarte. Und nun bitte ich Sie um Entschuldigung, ich muss mich konzentrieren. Hat sie 45 Stimmen gesagt? Prächtig!

Skrupel wegen der falschen Unterstützer? Was soll schon passieren? Wer wird es überhaupt bemerken? Ach bitte, lassen Sie mich mit Demokratie in Ruhe. Demokratie ist allenfalls ein Modus, ein Zählmuster, eine Choreografie des Unverstandes und der Unsicherheit. Nichts wird automatisch gut, nur weil es die Mehrheit will. Demokratie ist die Höhle, in der sich die ängstlichen Häschen verstecken, weil sie keine Stimme haben, den Fuchs vom Acker zu brüllen. Wer will ein Urteil in Zeiten fällen, wo man nur noch eine Stimme hat, wenn man unfehlbarer als der beschissene Jesus gelebt hat? Wir ersticken an unserer eigenen Aufrichtigkeit und überfordern uns mit einer Moral, die es so nur in Schulbüchern oder Wikipedia gibt. Auszugsweise, halbgar, unverstanden.

Obwohl: Eigentlich sind das nicht wir. Nur Sie. Sie alle. Ich? Ich halte nur einen Spiegel. Und sie beginnen zu grübeln.

Sie haben mir doch auch zugehört und dachten, es sei wichtig. Und jetzt halten Sie sich die Ohren zu, weil Sie das Geschrei nicht hören wollen. Angeblich. Doch geben Sie es zu: Sie wollen gar nichts verändern. Sie lieben es.

Ich nehme die Wahl an!

(Foto des Plenarsaals des Thüringer Landtags von Gerd Seidel / Rob Irgendwer. CC BY-SA 3.0 DE)


  • 8
  • Kommentare unter dem Posting0
  • Webmentions24

– 5. Februar 2020 –


Sag was. Oder lass es.