Ebbe und Flut

Tag Sechs

Kaum in Paddington Station angekommen, ist die Trübsal von gestern verflogen. Manchmal darf man einfach nicht zu lange über alles grübeln, sondern die Sache sportlich annehmen. Um sie dann besser zu machen.

Es gibt Technik-Museen, die triefen vor Physis, stinken nach Fett und Öl, lassen alles zu. Und dann gibt es Powerpoint gewordene Ausstellungen, bei denen aber auch gar nichts überspringt. Keine Inspiration, kein Funke, keine Lust auf schmutzige Hände. Sparen Sie sich London, fahren Sie stattdessen nach Speyer.

Tetris? Auf einer spanischen klingenden Gitarre? Auf dem Weg in die Tiefe kommt uns Musik entgegen. Unten stolpert sie in einen Boogie Woogie, gefolgt von einem reibenden Lachen. Johnny Lee Hooker, oder wenigstens sein unbekannter, dreihunderjähriger Zwillingsbruder. Ich werfe ihm ein paar Münzen in einen Pappbecher, yeah man thanks!, sehe, wie er den Daumen hebt ohne sein Spiel zu unterbrechen. Ein anderer Reisender, lange graue Haare, kurze braune Zähne: »Hättest ihn vor drei Jahren hören sollen, da war er noch viel besser als heute!«. Antworte, dass ich dann wohl nun einen Grund mehr habe, nochmal wieder her zu kommen.

Es wird wieder Abend. Euer untertänigster Erzähler ist allein unterwegs, fest entschlossen, sich zu verlaufen. Der Underground ebbt ab. Beste Gelegenheit. Der Weißwein schwingt mich vorwärts. Letzte Fernreisende. Erste Partygäste. Dunkelheit, die gegen das künstliche Licht keine Chance hat. Some change please! Ihr blondes Haar, wirr, schmutzig, aufgegeben, hebt sich kaum noch gegen die schmutzigen Fliesen ab. Wie unsichtbar kann ein Mensch werden, bis er wirklich verschwindet? Frage ich mich das für sie oder mich?

Die Themse zieht sich still zurück. Clipper und Ausflugsdampfer liegen still und schwarz in der Mitte des Stroms. Höre ich da Marlowe, wie er über Kurtz berichtet? Uferpromenaden versprechen Diskretion, ist man bereit, die Überwachungskameras auszublenden. Das ist alles viel zu einfach hier. London will erkannt werden, es zeigt her, was es eigentlich nur dem Forscher enthüllen sollte. Keine Zweifel, keine Leerstellen, nur Eindeutigkeit. Das macht es doppelt verdächtig.

Blackfriars Bridge. Ein Mann gibt in der Unterführung seine Mischung aus Gipsy Kings und dem Soundtrack von Sherlock zum besten. Wahrscheinlich ist es der Meister der Verkleidung höchstselbst. Mein Kleingeldvorrat ist am Ende. Verschwörerisch nicke ich ihm zu. Er schüttelt den Kopf. Alles klar. Nur der Echte würde seine wahre Identität verheimlichen.

Mir ist schwindlig. Ich bin die ganze Zeit in die falsche Richtung gegangen. Zeit heimzufahren. Ich will aber nicht.

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Simone Hansen
Simone Hansen

Unpedinkt lesen! (→)

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Peter Plener
Peter Plener

Sich gezielt zu verlaufen ist eine dem angemessen hohe Kunst. …weiter lesen »

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