Englischer Regen

Tag Sieben

Auf dem Weg zur Underground werden wir zum ersten Mal nass. Als wir zehn Minuten später wieder aussteigen, ist der Regen nur noch ein Gerücht.

Churchill's War Room: Winstons kleine Kommando-Zentrale aus dem Zweiten Weltkrieg. Manche Räume waren fast vergessen, einige mit dickem Beton eingefasst. Man gibt sich Mühe, die Ambivalenz ihres großen Premierministers darzustellen. Ich kaufe ihnen das ab. Er war der beste für den Krieg, aber konnte er auch Frieden? Sehenswert.

Doch worüber spricht man eigentlich, widmet man sich die Epoche vor und nach Winston? Blut-Rhetorik. Herausforderung der Notwendigkeit. Tiefste Enttäuschung, größte Triumphe. Füllstoff für Bibliotheken. Fakt: Wer in der Lage ist, wortgewandt für sich selbst zu werben, bekommt seine Chance. Wer allein und einsam in seiner Kammer vor sich hin denkt, bewegt nichts. Politik als merkantile Logik. Ich könnte das nicht.

Chinatown, der einzige Londoner Stadtteil, den man am Duft erkennen dürfte. Suchen wieder nach BBC-Sherlock-Locations, finden aber nur Funklöcher. Und die Erkenntnis, wie ein Pikachu von innen aussieht.

Stromausfall und das Geräusch eines Propellers über uns. Nicht die malerischste Kulisse für eine englische Nacht.

Beim Frühstück englische Nachrichten gesehen. Wie schroff hier mit den eigenen Politikern umgegangen wird, ist es eigentlich ein Wunder, dass sie noch welche haben. In Teilen sehe ich einige Spielarten dieses medialen Umgangs auch in Deutschland auftreten, doch dort sind sie unmaskierte Versuche, das Gegenüber zu verletzen. Wir sind für sowas mental auf einer anderen Frequenz unterwegs, zu sehr von Rache und Nachtragen besessen. Vielleicht ist es das, was uns so verbissen uns unversöhnlich aussehen lässt: Eine nicht eingestandene Verletzlichkeit.

Paddington, 21:30 Uhr: Zwei Jungs um die Dreizehn mit Deerstalkern gesehen. »Goodnight Sherlock!« gerufen. Eine freundliche Antwort bekommen. Jetzt bin ich wirklich in London gewesen.

Italienisches Bock Bier. Mamma Mia, ist das wirksam! Morgen: Heimreise. Heute: Wehmut wie lange nicht mehr.

Etwas zu sagen? Her damit!