Entschleunigung


...und plötzlich fällt dir dieses unscheinbar graue Büchlein in die Hände.

A5, linert, vollkommen jungfräulich. Manche Seiten hängen noch zusammen, bei anderen rieseln kleine Späne heraus. Ein Geruch: Papier. Genauso unerklärlich taucht neben dem Buch der Füllfederhalter auf. Familientreffen. Wir Drei. Wie in alten Zeiten.

Ein Gedanke. Die Kappe gleitet mit hohlem Kratzen vom Schaft. Die Feder liegt frei, ein kleiner tintenblau geschürzter Stahlsplitter. Wie sich das anfasst, denkst du dir. Und schreibst. Die ersten Buchstaben und Worte quellen ungelenk aus dem Kopf, durchqueren die steif gewordene Hand, verlassen die Federspitze. Blaue Tinte sickert zwischen den Fasern des Papiers ein, nimmt von ihm Besitz, durchadert es, wie kleine Rinnsale eine weite Ödnis.

Da, noch einer! Und ein weiterer! Als hätte jemand eine Schleuse geöffnet, strömen nun die wildesten Halbsätze hervor, nicht zu bändigende Kräfte setzen sich frei, Tropfen werden zu Strahlen werden zu Fluten, sie überrollen alles, Ohren betäuben, abgerissenes Buchstabentreibholz zwingt dich unter Wasser, Verwirbelungen reißen dich fort, du sinkst zum Boden eines grundlosen Stroms. Vor deinem inneren Auge schlägt sich ein Buch auf, ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis lässt erkennen, dass es das Buch ist, das alle anderen (nein, nur deine anderen) Bücher enthält, es blättert und raschelt, Seiten fallen lose herab (das ist der Mist, den du dir antatest).

Zurück bleibt eine heilig leuchtende Sammlung, nur ganz dünn. Es gibt noch so viel zu denken, so viel zu sagen und plötzlich wird dir klar, dass du ein Nichtschwimmer bist, dass du dein ganzes Leben nur im seichten Rand eines stinkenden, stehenden Brackwassers verbracht hast.

Die Hülle rastet über der Feder ein. Nochmal davon gekommen. Genussvolle Momente des Imperfekts. Schwimmen lernen wäre nicht schlecht. Einmal wenigstens, Schritt für Schritt. Von vorne anfangen. Lehrer finden. Blender meiden. Muss aber nicht sein.

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