Ewiger November


Nächte aus Lakritze.

Immer dieses Brennen in der Brust. Ganz schlechtes Zeichen. Aber den Typen bekomme ich noch klein, kannst du dich drauf verlassen. Baut sich auf wie eine Schrankwand, stellt den ganzen Weg zu. Versuche ein bisschen zu tanzen, ist lange her seit dem letzten Mal. Links. Rechts. Hinter. Links. Vor. Rechts. Oder links? Scheiße, mein Kopf brummt. Habe kaum trainiert, alles vergessen, bewege mich nur noch zufällig. Was soll‘s. Wenn ich mich schon überrasche, dann kann auch er alle Berechnung vergessen.

Dieses Knirschen im Kopf macht mich fertig. Wochenlang abgeschuftet, zu wenig geschlafen, zu viel getrunken, zu wenig nachgedacht, zu viel funktioniert. In der Zwischenzeit hat dieser Idiot in der Sonne gelegen und sich aufgepumpt. Abends, als es still war, weil Gin und Bier die spitzen Kanten rund genuckelt hatten, dachte ich an Dinge, von denen ich jetzt nicht mehr weiß, ob ich sie erlebt oder mir nur ausgedacht hatte.

Und immer dieses Brennen in der Brust. Kaum dass es leicht abklingt, denke ich ihm hinterher und versuche herauszufinden, ob es noch da ist. Ja. Ist es. Ein knurrender Hund, aus seinem wütenden Schlaf gerissen. Zu müde, um wirklich gefährlich zu werden, aber auch zu riesig, um ihn ignorieren zu können. Na gut, Konzentration jetzt. Die Musiker stimmen ihre Instrumente und blasen gleich zur Bullshit-Parade.

Jemand tritt gegen eine Mülltonne. Der Deckel fliegt runter, eine Rattenfamilie nimmt Reißaus. Ring frei. Das dumme Schwein bewegt sich nicht. Soll mir recht sein. Langsam stolpere ich heran, schaue immer gerade aus. Viele schauen ins Gesicht, ist der dümmste Fehler, den man machen kann. Blicke bringen dich nicht um, Fäuste aber schon. Der Schlag kommt immer aus der Schulter, aber auch die hängt nicht im luftleeren Raum. Hüfte, Beine, Füße, Brust, alles hängt mit allem zusammen, schaust Du auf eines, übersiehst du das andere. Geh in den Fluss, schwimm mit der Strömung, aber um Himmelswillen, lass das Nachdenken.

Gerade als ich ausholen will, hämmert mir ein Güterzug auf die Schläfe. Die Schrankwand hat sich noch immer nicht bewegt, oder? Wo kam das zum Teufel nochmal her? Ich taumele nach links, drei Schritte, aus Dunkelheit wird Finsternis, irgendwo finde ich Halt, Mülltonne, nass, randvoll. Schritte, aber die Schrankwand steht da immer noch. Wie eine Statue, denke ich noch so bei mir, als mich Hände packen und hoch reißen. Keine Ahnung, wer mich da beim Wickel hat, mein Bewusstsein hängt noch mit dem Gesicht in der Tonne und kommt erst Stunden später nach. Zusammenreißen höre ich aus einer anderen Galaxis.

Foto von Finn Gross Maurer

Brust brennt. Brust brennt. Die Pflastersteine tragen mich wieder. Tänzeln muss ich nicht mehr, ich wanke so schon genug. Das Adrenalin macht die Nacht zum Tag. Fäuste so hoch es geht. Lücke suchen, Lücke nutzen. Es gibt da eine Stelle unter der Brust, wenn man die trifft, ist Schluss im Puff. Muss den Typen nur dazu bringen, sich umzudrehen. Aber der Sack bewegt sich keinen Millimeter von der Stelle. Teste mit einer langen Rechten sein Schulterblatt, nur ganz leicht, damit er mir seine Visage präsentiert. Als Antwort erhalte ich das Knirschen meiner Fingergelenke, die soeben ihre Trennung bekannt gaben. Schnell werden die Schmerzen in der Hand von denen meiner Leber überdeckt. Wieder aus dem Nichts, wieder auf die richtige Stelle. Ich habe das Gefühl, gleichzeitig zu Kotzen und mir in die Hosen zu scheißen.

Wenn man so liegt, denke ich mir, stellt man fest, dass man die Welt gar nicht kennt. Mir war gar nicht klar, dass eine Straße im Grunde wie ein Fluss ist, der durch die Häuserschluchten treibt und zum stillen Ertrinken einlädt. Rinnstein. Gully. Einfach treiben lassen. Still halten. Irgendwann ist es vorbei und nichts Schlimmes ist dabei. Als meine Augen wieder parallel stehen, sehe ich seine Schuhe vor meinem Gesicht. Ich denke an den See, als du neben mir lagst, die Sonne über uns Unsterblichkeit verlieh. Auf der anderen Seite bellte ein Hund und ich habe etwas gesagt, was dich zum Lachen brachte. Komm schon, denke ich, mach, dass es vorbei ist! Er hebt seinen Fuß.

Ich schließe die Augen. Es wird schon nicht so schlimm werden. Ein Hund bellt am anderen Ende der Nacht. Mir fällt ein, was ich damals gesagt habe und mein Gesicht schmerzt, als ich zu Kichern beginne. Nichts brennt mehr nun.

Ich steige über das Bündel hinweg, das da am Boden vor sich hin blutet. Das ist es nicht wert. Der arme Kerl weiß ja gar nicht, was er tut. Ich mag, wie am Abend mir Menschen auf dem Gehsteig entgegenkommen. Alterslos in der Straßenbeleuchtung, Mantel geöffnet, Tasche im Griff, im Widerschein des Telefons schwarze Augen und schwarze Lippen: Die frühe Dunkelheit hüllt jeden Flaneur, jede Büroheimkehrerin ein paar Schritte lang in Geheimnis.

Es wird Winter.

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