Frei schreiben und Freischreiben


Lebenszyklen einer Mediendiskussion oder Arsche lecken, trallala!

Am Anfang war das Ich

Warum schreibt, malt, singt, fotografiert einer? Weshalb macht man überhaupt etwas, außer stupide vor sich hin zu funktionieren? Keine Ahnung. Ich weiß noch nicht einmal, warum ich das tue. Vielleicht weil es aufregend ist, seine Gedanken zu zeigen und zu sehen? Mit der Medienflut fremde Häfen ansteuern, sich umschauen, plündern, saufen, rumhuren, um sich dann mit der Beute im Kopf ein schönes Leben zu machen?

Anfang der 2000er habe ich selbst mit dem Ins Internet schreiben begonnen. Ich hatte ein 56er-Modem und Zeit genug, mir diese Zaubersprache HTML beizubringen. In den Texten ging es meistens um Sport oder das, was ich für Politik hielt. Irgendwann kamen dann die Programme, mit denen es beinahe spotteinfach wurde, etwas zu veröffentlichen. Über Nacht klinkten sich an jeder Ecke des Netzes tausende neue Seiten ein, betrieben von Leuten, die keine Ahnung und nach damaligen Maßstäben nichts zu sagen hatten, zumindest wenn es nach der publizistischen Elite des Landes ging. Im Netz war Jahrmarkt und jeder besaß ein Karussell. Man kam nicht voran, hatte aber eine Menge Spaß.

Niemand musste mehr jede einzelne Seite mühsam in HTML zusammenklöppeln, man konnte sich aufs Schreiben konzentrieren. Ich zum Beispiel erfuhr davon, dass man sein Abi nachholen und sogar studieren kann, wenn man schon ein alter Sack war. Da mich mein Leben in der Tretmühle sowieso ankotzte, war das für mich ein Hauptgewinn. Man las bei anderen mit und andere verfolgten, was man selbst so absonderte. Wie von Geisterhand bildeten sich kleine Netzwerke, zusammengehalten von gegenseitiger Neugier, stabil geworden durch grenzenlose Streitlust, bunt wie das Leben, laut wie ein Bahnhof, sich selbst genug.

Bis die Ersten den Fehler machten, Blogger als Blödmänner hinzustellen, weil sie mit diesem Zungenschlag im öffentlichen Sprechen nicht klar kamen, der da plötzlich aus allen Ecken schnatterte. Was so viel bedeutete wie: Das Netz war unkontrollierbar und man konnte damit kein Geld verdienen oder die User durch dessen Entzug auf Linie bringen.

Das Prinzip Belohnung

Einfache Sache: Wer schreibt und veröffentlicht, wünscht sich Rückmeldungen. Ansonsten könnte man das alles im Kopf behalten und für sich allein verrückt werden. Auf diese Weise sind auch zwei elementare Kulturtechniken des Netzes entstanden: Der Kommentar und die Verlinkung – Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist es großartig, wenn sich Leute mit deinem Kram beschäftigen, ganz gleich, was es auch sei. Man kann sich unter eigenen Beiträgen trefflich streiten oder verlieben oder beides. Königsklasse ist die Verlinkung des eigenen Beitrags auf anderen Seiten. Auf diese Weise bekamen Leute von einem zu hören, die man bis dato gar nicht kannte. Die eigenen Ideen werden so sekundenschnell weltweit verbreitet, ohne dass irgendeine Kontrollinstanz dem widersprechen konnte.

Die andere, dunkle Seite ist der psychologische Effekt. Belohnungen sind Stimuli, funktionieren langfristig aber nur, wenn sich die Dosis permanent erhöht. Mir sind einige Blogs untergekommen, die nach einem vielversprechenden Start das erste Jahr nicht überlebt haben, weil die erwarteten Reaktionen des Netzes ausblieben oder sich mit der Zeit abschwächten. Andere haben sich schlicht selbst verbrannt, weil sie der irrigen Annahme folgten, jeden Tag mehrfach Inhalte raushauen zu müssen. In ihrem Selbstbild waren sie Medienportale, die zu liefern hatten. Wohlgemerkt in einer Zeit, in der niemand mit einem internetfähigen Computer in der Hosentasche unterwegs war und die wenigsten überhaupt Computer oder Internet besaßen.

Wirklich übrig geblieben sind nur noch jene, die so viel Zulauf und Feedback hatten, dass ihre Motivation nie versiegte. Und eine noch kleinere Gruppe, nämlich die Wenigen, die ihre Freude vornehmlich aus dem Erstellen von Inhalten bezogen. Auftritt des digitalen Darwin: Überleben des Ignorantesten. Vielleicht der Grund, weshalb ich noch hier bin.

Bluebirds at Sugar Mountain

Mit der Zeit wurde das Netz nicht nur breiter, sondern auch engmaschiger. Bald standen überall Computer in den Wohnungen und mit dem Aufkommen billiger Internetanbieter strömten technisch absolut unbedarfte Leute ins Netz. Diese waren noch weniger als die bisherigen Blogger in der Lage, Netzinhalte zu produzieren oder sich einen autonomen Platz im WWW einzurichten. Doch auch für sie sollte es eine Unterkunft geben: Die Plattformen des social media.

Einfachste Sache. Anbieter errichtet einen großen, virtuellen Spielplatz, an dessen Rändern sich jeder sein eigenes kleines Baumhaus einrichten konnte. Das war alles andere als individuell, dafür aber niederschwellig genug für Otto Normaluser und vor allem kostenlos. Die Vernetzung klappte problemlos, Freundeslisten und Twitter-Feeds konnten mit einem Klick auf die eigenen Interessen hin angepasst werden. Das Belohnungsprinzip wurde auch hier fortgeführt, bestand mittlerweile aber nur noch aus einem Mausklick auf den Like-Button. Wie bei jeder guten Droge kam man schnell ran, schnell drauf, und wollte schnell mehr, aber auf keinen Fall schnell davon weg.

Man sprach fortan über die selben Dinge, also über nichts, und saftete sich gegenseitig mit der Simulation von Informationen die Aufmerksamkeit voll. Moment, darüber muss ich erst einmal nachdenken oder Oh, stimmt, Du hast Recht, da habe ich mich geirrt! verschwanden aus dem Sprachschatz. Von da an hatte uns der Kapitalismus unerbittlich an den Eiern.

Hierarchisierung

Einen ersten Archtungserfolg konnte Ende 2004 das Blog »Spreeblick« für sich verbuchen, als sie thematisierten, wie der damals recht populäre Klingeltonanbieter Jamba hundeteure Abos an Kids verhökerte. Von da an war man vorsichtiger, denn Jamba hatte einen schweren Imageschaden davon getragen, einzig weil man dachte, dass es sich nur um ein paar ahnungslose Internetfuzzis handelte.

2006 lancierten verschiedene Werbeagenturen die Kampagne »Du bist Deutschland«, mit dem Ziel, eine exklusiv wahrgenommene Miesepetrigkeit im Lande zu bekämpfen, nicht ahnend, dass sie damit einen großen Shitstorm entfesseln würden. Viele Blogs quittierten mit eigenen Beiträgen und kritischen Anti-Werbe-Fotos die fremd verordnete Seligkeit, oft kreativ, stets hämisch.

Irgendwann wurde es den altehrwürdigen Gralswächtern der öffentlichen Kommunikation zu viel und sie schossen ihren Bannstrahl auf die aufkeimende, nicht mehr mit den alten Mitteln zu kontrollierende Schnatterwiese:

Der Dank: Miesepetrigkeit. Glücklicherweise nur von den Gruppen, von denen man nichts besseres erwarten konnte: […] Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern? Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.)

Noch immer abrufbar bei Jens Scholz, der diese Mail dankenswerter Weise leakte.

Die Öffentlichkeit, die diese Blogs und Aktionen erreichten, war verführerisch. Ruhm ist geil und ich gönne ihn jedem, am meisten jedoch mir selbst. Es entstand ein Mainstream mit thematischen und dramaturgischen Rollenvorbildern. Ratgeber und Seminare für gutes Bloggen schossen aus dem Boden, obschon sie im Grunde nur den Gedanken transportierten, dass es im Grunde dämlich ist, Ratgeber und Seminare für gutes Bloggen ernst zu nehmen. Alle schauten nach oben, niemand mehr nach links oder rechts oder in sich hinein.

Und man versuchte, Geld mit Blogs zu verdienen, also richtig Geld, nicht nur ein paar Kröten aus den selbstgebastelten Werbebannern oder Amazon-Links. Die Themen verflachten, denn das reichte aus, um Quote zu generieren. Gebt heute mal einen beliebigen Alltagsbegriff in Googles Suchmaske ein, die ersten drei Seiten sind durch die Bank weg Angebote zu Shoppingportalen.

Die originellen Blogs fielen unter die Wahrnehmungsschwelle. Fortan spielte die Musik in den gated communities.

Sterben

Doch warum Blog XYZ lesen, wenn Medienplattform ABC dasselbe anbietet, nur bunter, lauter, schriller, prominenter? Den Ersten dämmerte, dass es in diesem Wettlauf keine Silbermedallie für den Zweitplatzierten geben würde – und sie hörten auf. Das bisschen, was man zu sagen hatte, passte auch in StudiVZ, Twitter oder dieses komische Facebook, von dem alles glanzäugig sprach. Der Frust trieb Einige der Besten in die Silos, die alle Daten aufsaugten, aber nicht mehr heraus ließen, denn Daten waren der neue heiße Scheiß.

Die Datensilos konnten nun das, was anfangs unmöglich erschien: Das Verhalten der Nutzer standardisiert überwachen, analysieren und meistbietend verscherbeln. Kontrolle und Kommerz brachen das Medium. Die Chance gelungener Kommunikation wurde in den Einheiten des Trackings und der Besucherstatistik gemessen. Vieles wurde dabei gewogen und für zu leicht befunden.

Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich mag social media. Ist eine tolle Sache, wenn man nichts sagen will, das länger als drei Sätze ist. Aber es wird niemals die Vitalität einer dezentralen Ideensammlung besitzen, wie es die Blogosphäre einst darstellte. Ein ziemlich guter Hinweis darauf, dass man im Arsch ist, scheint mir das Auftreten von Experten zu sein. Aus jeder Ecke kommen sie nun, veranstalten Kongresse und Panel-Diskussionen, gründen Arbeitsgemeinschaften, bespiegeln ihre Nabel in 3sat-Sendungen und promovieren über dieses und jenes, was ihnen von den Bildschirmen ihrer Macs entgegen flimmert. Dabei kann kaum einer dieser Diskursbücherwürmer einen simplen Papierstau im eigenen Drucker beheben.

Keine Wiederauferstehung

Doch wir sind noch nicht tot. Wir riechen nur so. Unter dem Schelfeis der Ignoranz schreiben wir weiter, unelegant wie Bärtierchen aber mindestens so zäh. Abseits des Scheinwerferlichtes machen wir unsere Bilder. Und ja, es sind Beiträge, die man vielleicht nicht auf Anhieb versteht, die kein großer Name sich aus der Hypophyse gezogen hat, die nicht jeder gut findet, die seltsam klingen, vordergründig Banales verhandeln, schlimmer noch: Kunst sein wollen. Die sich gegen die Verwurstung der Medienhäuser und ihrer hyperventilierenden Oompa Loompas 2.0 stellen, nicht weil es ihr Anliegen ist, eine Palastrevolution anzuzetteln, sondern weil es ihnen lichtjahrweit am Arsch vorbei geht, ob ihr das vermarkten könntet.

Die meisten Zukunftsfragen der Medienbranche sind inzwischen weniger von der Erkenntnis abhängig, als von der Handlungsbereitschaft.

Johannes Kuhn in seinem Blog »kopfzeiler«

Am Ende sitzen die nämlich in der Falle auf ihrem riesigen Berg von Erwartungen des Return of Investments. Wir müssen das nicht erfüllen, sondern ihr, deren einzige Erkenntnis nur darin bestehen kann, dass ihr Vielfalt nicht in der Monokultur einer Twitterfarm oder des informativ inzestuösen Facebook-Gulags findet. Sondern draußen, in der Wildnis, wo keine Pressemitteilung hinscheint und niemand unbedingt Druckfertiges liefert.

Derweil hocken wir vor unseren Tasten und erfinden uns selbst. Denn nichts anderes ist es ja, dieses kleine, widerstandsfähige Pflänzchen: Der Verzicht auf die Vorschrift, der zu sein, der man nicht sein will. Es gibt da draußen Blogs, deren Texte ich sehnsüchtigst erwarte, deren Buchstaben ich aufsauge, ganz gleich ob sie von ihrem Job schreiben oder buchstäblich nur ein einziges Wort thematisieren. Abseits der Like-Logik gibt es da nämlich noch etwas viel Größeres und es klingt ungefähr so:

Danke für's Teilen.

Benjamin Birkenhake in den Kommentaren zu »Rocket Man«

Und nun?

Stellt euch vor, es gibt einen Ort, an dem ihr tun könnt, was ihr wollt. Er ist hier. Es ist ein Kurort, denn man kommt zu sich. Erwartet kein Lob. Ergötzt euch einfach am reinen Tun und der erstaunlichen Erkenntnis, wie viel in euch los ist. Sitzt drei Tage an einem Text, erlebt mit, wie er kaum wahrgenommen wird, verzweifelt beinahe daran und scheißt dann drauf. Der nächste wird besser, weil er im Bewusstsein entsteht, dass das Schreiben an sich, das Fotografieren, Singen, Filmen und was weiß ich nicht alles das ist, was euch vom reinen Konsumenten zum Produzenten erhebt. Teilt den Kram, den ihr überall findet, denn wenn es euch gefällt, kann und sollte das auch anderen passieren. So entstehen Sphären, die robust genug sind, um gegen die Langeweile und das Widerkäuen der immer selben Scheiße stand zu halten.

Deshalbe werde ich jetzt zwei Dinge tun: Weitermachen und eine Serie starten, die zu einer neuen Diversität beitragen soll, weil sie Techniken und Praxen vorstellt, die einen Ausbruch aus den Silos möglich macht. Sinnlos?

Vielleicht.

Aber das sagt ihr dem Falschen.

https://libralop.de/tagebuch/frei-schreiben-und-freischreiben