Gedichtform

»Gedichtform« ist ja auch so ein Brutalwort. Schon wie das zusammengesetzt ist: Gedicht (Yeah!). Form (Uff!). Form, wie »Formfleisch« oder »In eine Form quetschen« oder »Schlecht in Form«.

Einsperren in Formgebilde, Silbenzählen beim Morgenappell. Wenn eine fehlt, wird die ganze Meute gezüchtigt, muss so lange als Unvollständiges in Regen, Sonne oder Schnee stehen, bis sich ein neuer Trottel gefunden hat, der sich dann einreihen muss, als Hebung oder Senkung.

Und Literaturtheoretiker, die Kerkermeister der Kunst, wachen in Zellenblöcken stets eifersüchtig über die Einhaltung alter Regeln, würden sogar auf Basis von Naturgesetzen Menschen anklagen, sie verurteilen zu lebenslanger Bewunderung der Erfinder der Regeln, weil sie ja selbst nichts zu sagen haben, weshalb sie immer auch nur Widerkäuer dessen sind, was andere schufen, was nichts anderes als Mauern waren, hinter denen sie sich nun verkriechen, die Damen und Herren von der Literaturtheoretie, und auf die Mauern schreiben sie dann ihre Lieblingswörter: Wissenschaft! oder Akademie! oder Essay! oder Lehrmeinung!.

Ein Scheißdreck ist das alles. Draußen stehen die Leute, hungernd nach Kunst, nicht als Produkt, sondern Lebenssinn, als Ausdruck des Menschseins, als mehr als nur Humankapital-Seins, als Schöpfer eigener Welten, als Gott. Doch sie verhungern, weil sie nicht zu essen wagen, denn was sie sich erdenken, sei nicht von rechter Natur, keine Kunst, kein Garnichts.

Das haben Mensch und Gedicht nicht verdient.


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– 23. Juni 2020 –


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