Geheimakte DSGVO

Ein Gespenst geht um in Europa und sein Name lautet…

»Verordnung [EU] 2016/679 des europäischen Parlaments und Rates vom 27. April 2016 zum Schutz natürlicher Personen bei der Verarbeitung personenbezogener Daten, zum freien Datenverkehr und zur Aufhebung der Richtlinie 95/46/EG (Datenschutz-Grundverordnung«. Freunde und Gegner nennen es DSGVO und so will ich es auch halten.

Die DSGVO schlägt nun große und viele Wellen, weil sie ab Ende Mai mit massiven Strafen droht, falls man mit Benutzerdaten nicht datenschutzkonform umgeht. Wie man mit ihnen hantieren soll und welche Rechte demjenigen zustehen, der die Daten produziert, steht in eben diesem Gesetz. Dummerweise liest es sich nur wie ein Katalog für Folterinstrumente und scheint alles andere als praxisnah zu sein. In der Folge haben einige Blogger ihre Webseiten direkt geschlossen, da sie das Risiko einer teuren Abmahnung nicht eingehen wollen. Drastisch ausgedrückt: Wir werden vor uns selbst zu Tode beschützt.

Gesetz

Heute widmete sich auf Twitter die Rechtsanwältin Nina Diercks dem Problem. Sie versuchte besänftigend einzuordnen und einigen grassierenden Mythen die Spitzen zu schneiden. Wie jeder andere kann sie aber auch nur ihre Lesart darstellen, obschon berufsbedingt diese substanzieller als meine sein dürfte ("DSGVO? Orrneee!"). Sie schließt mit folgender Aussage:

Fazit: Warum sich nahezu in eine Panik wegen #Abmahnwellen im Hinblick auf die #DSGVO hineingesteigert wird, lässt sich sachlich nicht so recht begründen.

RA'in Nina Diercks ‏auf Twitter [20. Mai 2018]

Diese finde ich sehr interessant, weil sie mir strukturell schon in anderen Bereichen begegnet ist: Angehörige einer speziellen Profession können sich nicht vorstellen, dass Außenstehende das Fachgebiet nicht verstehen. Der Koch wundert sich darüber, was die Leute so alles in sich hinein fressen. Der IT-ler kann nicht verstehen, weshalb die Leute noch immer das Computerprogramm ABC nutzen, obwohl XYZ doch viel besser ist. Dem Finanzbeamten will nicht in den Kopf gehen, dass die Leute immer Formblatt A 38 vergessen. Selbst im Supermarkt wird man angeraunzt, weil die Kassiererin nicht die Nummer des Wagens erkennen kann, von der nur sie weiß, dass sie sich unten am Rad befindet, das man gerade mit seinem Fuß verdeckt. Kultivierte Menschen nennen dies Déformation professionnelle, weniger rücksichtsvolle neigen zum vulgären *Fachidiotie".

Installation mit Puppenkopf
Foto von Doug Bowman unter CC-Lizenz

Um auf obiges Zitat zurück zu kommen: Hier kann ich vielleicht helfen.

Die Netzmenschen sehen sich einem Gesetz gegenüber, das sie a) mit Strafe bedroht und dass sie b) intuitiv nicht verstehen (können). Wenn in einer Diskussion drei Juristen zu sechs verschiedenen Meinungen kommen, nur um sich am Ende darauf zu einigen, dass …man mal die Rechtssprechung abwarten müsste, haben wir eine kafkaeske Situation, in der wir alle vor dem Tor des Gesetzes dumm herum stehen.

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne…

Franz Kafka – »Vor dem Gesetz« als Text und zum Anhören.

Was wir, die Blogger, Webseiten- und Webshopbetreiber bräuchten, wären belastbare Fakten, denn keiner will alleine durch den Betrieb einer Internetseite gegen geltendes Recht verstoßen. Was wir jedoch nicht benötigen, ist eine Situation, in der wir diejenigen sind, an denen diese Fakten geschaffen werden.

Unironisch schön wären Politiker, die aus dem Turm ihrer Technokratie herabsteigen, um ihre Pläne an der Realität abzugleichen. Ach ja, und vielleicht auch Juristen, die uns in ihr Standeswissen einweihen, in unserer Sprache, nicht in ihrer. Sonst steht zu befürchten, dass es wie so oft auf diese eine, tragische Weise enden wird:

Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Kafka, ebenda.

Das wäre echt nett. Danke.

Mit freundlichen Grüßen
Der Typ auf der Empfängerseite des Abmahnschreibens

PS:
Falls es wen interessiert: So gehe ich mit euren Daten um.

Kommentare

Ferrer
22.05.2018 · 20:31 Uhr

Libralop
23.05.2018 · 10:06 Uhr

Ferrer
29.05.2018 · 14:30 Uhr

Libralop
29.05.2018 · 14:52 Uhr

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Social Media Reaktionen

1 Erwähnungen (Mention)

Kiki
Kiki

Mnh. Jein. Dieser Text bringt meine Meinung zum Thread schön auf den Punkt: libralop.de/tagebuch/gehei… … (Stichwort: Déformation professionnelle) https://t.co/Tp7tP8Fy5K (→)

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