Gelesen: »Erwachsenensprache«

Robert Pfaller kämmt sich die Haare und langweilt mich beim Hosenkaufen. Oder so.

Was mir eher selten passiert: Dass ich mir spontan ein Buch kaufe, weil es irgendwo besprochen wurde. Und doch ist es hier der Fall. Über Robert Pfallers »Erwachsenensprache« hörte ich etwas im Deutschlandfunk auf dem Weg zur Mittagspause, die mich auch an einem Buchladen vorbei führte. So kam ich in den Besitz eines Buches, das mal aufräumen wollte (endlich) mit der Infantilisierung der Sprache, der überzogenen (Ach! Ach!) Befindlichkeitsschonung von Leuten, die sich sozial zurück gestellt nur fühlen und ganz allgemein der Verwurstung der deutschen Sprache (Famos!) aus Furcht vor angenommener Übergriffigkeit gegenüber von… irgendwie jedem.

Hat wahrscheinlich jeder schon mal damit zu tun gehabt. Schreibste einen Text, richtig ranzig und positiv polarisierend, denkst an nichts Schlimmes, da kommt so ein Käsejogi und will, dass Du überall noch genderst. Und die eine Formulierung, da, ja, da, genau die, noch änderst, damit sich die Blindenhundvereinigung der Opfer des römischen Limes-Baus e.V. ausgeschlossen fühlen. Dann sagst Du Dir Fick Dich ins Knie damit, bloß laut und bloß wenn er noch neben dir steht und dann geht das Tänzchen erst richtig los. Von wegen was man sich erlaube. Korrigierst Du dich und sagst Ficken Sie sich ins Knie damit, bitte! ist es auch nicht recht.

Dieses "Was muss denn noch passieren, damit ihr endlich begreift?" verleiht seiner ansonsten hochkomplexen kulturtheoretischen Analyse aktuelle Dringlichkeit. Während in der Öffentlichkeit weiter Sandkastenspiele stattfinden und kindische Debatten über politisch korrekten Sprachgebrauch ausgetragen werden, stellt er mit seinem Buch eine längst überfällige Frage: Wie wär's mal mit Erwachsenheit?

Ralph Gerstenberg, Deutschlandfunk. Naja.

So ist das halt. Muss man mit umgehen können. Mir gelingt das nicht immer. Pfaller hat daraus ein Buch gemacht. Eigentlich ist er wohl Philosoph und das merkt man auch. Wie, Sie haben auch Philosophie studiert? Und im ersten Semester im Seminar nur den Kopf über die Typen schütteln können, die mehr Autorennamen als Biersorten kannten? Dann können Sie nachfühlen, was das für ein Typ ist, der Pfaller.

Eigentlich besteht das Buch aus vier immer wiederkehrenden Dingen:

Neoliberalismus und Postmoderne: Die sind an allem Schuld. Das müssen zwei dolle Typen sein, quasi die rechte und die linke Hand des… ja, wessen eigentlich? Das bleibt das sahnige Geheimnis Pfallers. Er imaginiert über diese Begriffe einen Verständigungsrahmen herbei, der, hat man ihn einmal betreten, alles andere schon regeln wird. Wie bei jeder philosophischen Geschwätzigkeit hat man zwei Möglichkeiten: Entweder vor Langeweile sterben oder die metaphysischen Eier (Verstand & Herz) in die Hand nehmen und Der Kaiser hat ja keine Kleider an! rufen.

Die Universitäten seit der Bologna-Reform: Pfaller hasst dieses System, das, und hier gebe ich ihm Recht, aktuell noch nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Für ihn steht damit das selbstständige Denken und Handeln vor der Notschlachtung und bringt dazu noch das eigenen Messer mit. Alle, die in diesem System beschäftigt sind und es am Laufen halten, sind notwendigerweise Kriegsgewinnler im Kampf des Neoliberalismus gegen die wahre, reine Vernunft humboldtscher Ausprägung™.

Buchcover

Andere Philosophen: Pfaller liebt es, Nietzsche und Co. zu zitieren. Ständig merkten diese hellsichtig etwas an oder erkannten bereits sehr richtig. Pfaller bringt auch gerne Pfaller ins Spiel, aber das verblasst gegen die Haltung, die er gegenüber Slavoj Žižek pflegt. Diesem nähert er sich bevorzugt bäuchlings. Er sieht es sogar als besonderes Privileg an, als dieser ihn mal auf einer Konferenz mit einem »Fuck You!« verabschiedete. Wenn ich das mal flugs adaptiere, komme ich zu dem Schluss, dass Radfahrer die am meisten geschätzten Verkehrsteilnehmer des Landes sind.

Die klinische Sterilität des universitären Diskurses: Hier muss ich etwas ausholen. Der idealtypische Streit mit Pfaller besteht aus der totalen Denaturierung der Teilnehmerbiografien. Klingt schwurbelös, ist auch so. Anders ausgedrückt müssten Sie, sollte es zur Diskussion mit Pfaller kommen, ihren kompletten persönlichen Hintergrund aus der Argumentation streichen, seien es besondere Privilegien (bspw. als Mensch in Verantwortung gegenüber anderen Menschen), erlittenes Unrecht (welches durchaus und nachvollziehbar dazu führen kann, dass man Dinge anders als sein Gegenüber einschätzt) oder gemachte Erfahrungen (die Ihnen vielleicht zu einem schwer formulierbaren Erkenntnisvorsprung verhelfen). All das soll verschwinden. Zählen soll nur das reine Argument. Ganz ehrlich: So ein Bullshit. Als ließen sich par ordre de mufti Kommunikationen einfach so auf ein formelhaftes Austauschen von Informationsketten umschalten.

Aber ich gebe ihm auch Recht. Pfaller kritisiert die von ihm als überzogen eingeschätzte Warnung vor adult language in Filmen (Haneke! Art-House!) oder die latente Erregung, die aufkommt, sollte jemand laut Zeter Mordio schreien, weil ihm was nicht passt. Gerne auch in sozialen Netzwerken, gerne auch mit einer inneren Das-schreib-ich-der-BILD-Geisteshaltung.

Doch das muss nichts heißen und dies ist wahrscheinlich die einzige Lehre, die ich dieser, mit viel gutem Willen so bezeichneten, Essay-Sammlung zugestehe. Mein Unbehagen gegenüber den von mir so empfundenen Sprach-Regulatoren entspringt mir selbst. Die anderen sind nicht notwendigerweise Heulsusen. Ich bin nicht notwendigerweise der Gralshüter des Löffels der Weisheit. Kommunikation ist wohl doch mehr als nur Meinen und Schreiben. Und damit will ich es bewenden lassen. Pfaller hat nicht Recht und nicht Unrecht. Nur nichts zu sagen, auf über 200 Seiten.

Und so ende ich mal mit Goethe:

Das ist der Weisheit letzter Schluß:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.

Faust II

Abzugeben: Robert Pfaller – Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. S. Fischer Verlag. 2017. Wer sich zuerst diesbezüglich in den Kommentaren meldet, bekommt es.

Kommentare

Liuea
01.04.2018 · 21:28 Uhr

Libralop
03.04.2018 · 09:57 Uhr

Libralop
03.04.2018 · 10:01 Uhr

Libralop
03.04.2018 · 23:03 Uhr

Stefan
05.04.2018 · 08:03 Uhr

Liuea
05.04.2018 · 08:23 Uhr

Libralop
05.04.2018 · 10:43 Uhr

Stefan
05.04.2018 · 19:26 Uhr

Libralop
05.04.2018 · 19:53 Uhr

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