Gespräch Drei, 27 X.


Von welcher Seite beginnen? Was ist eine Erschließung? Warum ist das wichtig?

– Einsachtundachtzig. Zweihundertzehn Pfund.

– Das ist viel für eine Frau.

– Mutter war Sportlerin, Kugelstoßen. Aber das steht sicherlich auch in der Akte.

– Nein. Aber ich lasse es eintragen. Haben sie auch Sport getrieben?

– Nicht richtig. Nur ein bisschen, in der Freizeit, nebenher.

– Was haben sie gemacht? Sind sie gelaufen?

– Fußball, Basketball, all so was. Eigentlich sollte ich Schwimmer werden, wegen der Größe.

– Der Größe?

– Die sind damals durch alle Schulen gegangen, suchten groß gewachsene Kinder. Nachwuchsbeschaffung. Leistungszentren.

– Weshalb gerade große Kinder? Sind kleinere nicht leichter, flinker, wendiger?

– Hat wohl was mit der Hebelwirkung im Wasser zu tun. Dabei konnte ich noch nicht einmal schwimmen!

– Wie groß sind sie jetzt? Einsfünfundneunzig? Die müssen sich ja phänomenale Zeiten von ihnen erhofft haben.

– Heute Einsneunzig. Damals knapp Einsvierzig. Mit sechs Jahren! Hab's aber nicht lang durchgehalten. Irgendwann das Training geschwänzt.

– Sonst noch etwas?

– Schach. Und Schießen. Pistole. In der Schulturnhalle.

– Handfeuerwaffen in einer normalen Sporthalle? Ist das nicht gefährlich?

– Nein, das waren ja nur Druckluftpistolen. Oder heißt es Luftdruckpistolen?

– Luftpistole. Wie Luftgewehr, glaube ich.

– Jedenfalls benutzten wir nur diese kleinen Diabolos, ohne Pulver. Die haben nur gepufft, aber nicht geknallt.

– Wie auf dem Rummelplatz?

– Ja, so ungefähr.

– Haben sie auch an Wettkämpfen teilgenommen?

– Einmal, ja.

– Beim Schießen.

– Nein, Schwimmen.

– Und wie ist es ausgegangen?

– Stadtmeisterschaften, Vorausscheid. War nicht so gut.

– Sind sie Letzter geworden?

– Nicht offiziell. Der Junge auf der Bahn neben mir hat einen Krampf bekommen und ist fast ertrunken.

– Also Vorletzter, offiziell.

– Es war eine Fünfziger-Bahn. Wir haben in unserer Schwimmhalle aber nur eine 25 Meter lange Strecke gehabt. Schätze, ich war wohl etwas überfordert.

– Und ihre Eltern?

– Mein Vater und meine Großmutter waren da. Saßen beide ganz hinten in der Ecke. Konnte sie kaum sehen. Mutter hatte an dem Tag auch einen Wettkampf.

– Wissen sie noch, wie ihre Mutter auf ihr Ergebnis reagiert hat?

– Nein. Zu lange her. Es sei denn, sie wollen von mir hören, dass sie mich verachtet hat, weil ich den Anforderungen nicht genügte. Aber das wäre nur so ein Psycho-Quatsch von wegen »Schreckliche Kindheit« und so weiter.

– Und das wollen wir ja nicht…

– Genau. Oder war das eine Frage?

– Wie klang es denn für sie?

– Sie stellen hier doch die Fragen, oder?

– Dafür bin ich da, ja.

– Also?

– Also was?

– War es eine Frage?

– Nein.

– Klang aber beinahe so.

– Wenn ihre Mutter sie geschlagen hat…

– Moment, wie kommen sie darauf, dass meine Mutter mich geschlagen hätte? Steht das dort irgendwo?

– Hat sie das nicht?

– Steht das dort? Nein, hat sie nicht! Ich… Nein, wie kommen sie darauf?

– Hier steht: »Mutter: Wahrscheinlich bipolare Störung, neigt zu innerfamiliärer Gewalt…«

– Ach das.

– »…gegenüber Ehemann…«

– Ja. Aber…

– »…und…«

– Nein, so war das nicht. Also nicht immer.

– Nicht immer?

– Mich hat sie nie geschlagen. Und mein Vater hat getrunken. Zu oft. Zu viel. Außerdem hat er selber gerne ausgeteilt.

– Also reden wir hier von… Notwehr?

– So kann man es sehen. Ja.

– Notwehr einer riesigen Frau gegenüber Erwachsenen und Kindern.

– Mich hat sie nie geschlagen. Meine Schwester, ja, aber mich? Nein.

– Was hat denn ihre Schwester verbrochen, dass sie das einstecken musste?

– Weiß nicht.

– Haben sie sich nie mit ihr darüber unterhalten?

– Doch.

– Aber?

– Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie verstanden, wo eigentlich das Problem lag.

– Haben sie mit ansehen müssen, wenn ihre Schwester geschlagen wurde?

– Nein. Ich war da nie mit dabei nicht.

– Wo waren sie?

– Nicht da nie. Meistens in der Akademie.

– Akademie… Hier steht, dass sie Busfahrer sind. Sie haben studiert?

– Nein, Polizeiakademie. Ich habe damals in den Vorkursen mitgemacht. War eine schöne Zeit.

– Vorkurse?

– So eine Art Jugendgruppe. Wie beim Nachwuchs der Feuerwehr. Oder den Rettungshelfern.

– Und immer war alles bereits vorbei, als sie heim kamen?

– …

– Herr K.?

– Ehrlich, ich habe niemals mitbekommen, wenn meine Schwester verprügelt wurde.

– Wissen sie, was mich bei der ganzen Angelegenheit stutzig werden lässt?

– Nein, woher denn auch? Ich kann doch nicht in ihren Kopf sehen! Aber wissen sie, was mich fertig macht?

– Beruhigen sie sich. Bitte.

– Dass sie hier zum dritten Mal auftauchen und mir zum dritten Mal Scheißfragen zu meiner Scheißfamilie stellen…

– Setzen sie sich doch bitte wieder hin.

– …und mich dann hier sitzen lassen wie Heinz Doof und noch nicht ein einziges Wort darüber haben fallen lassen, was ich eigentlich hier mache!

– Ihre Mutter ist tot.

– Das weiß ich!

– Ebenso Ihr Vater.

– Ja, seit acht Jahren. Und?

– Sie wurden halbnackt vor einem Stadion gefunden, bewusstlos.

– Ich war schwimmen!

– Allein?

– Mit meiner Schwester. Fragen Sie doch bei ihr nach!

– Bevor oder nachdem Ihre Mutter erschossen wurde?

– Zum dritten Mal: Ich weiß es nicht!

– Herr K.?

– Ja?

– Sie sind ein Einzelkind.

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