Hundeland


Der 8. Mai oder Inszenierung ./. Freiheit

Nur den Köter hatten wir übersehen. Wittek erwischt es zuerst. Blut und Tränen laufen um die Wette. Wo ursprünglich seine Wade war, klafft nun ein Krater. Als wäre sein Unterschenkel ein Apfel, aus dem jemand herzhaft ein Stück gebissen hat. Wittek geht heute keinen Schritt mehr, so viel ist mal klar.

PLOCK!

Der Russe griff im Fernsehen meistens von rechts an, feuerte Salven aus dröhnenden Panzern, trug quer gestreifte Hemden. Tanzte auf Trümmern. War nett zu streunenden Hunden. Lachten sogar beim Kotzen, wenn sie jemals die Beherrschung über sich verloren hätten.

Helden eben.

Die Deutschen, also unsere, postierten sich in Löchern, Gräben und Villen. Hielten dagegen, stramm verblendet. Schossen mit verbitterten Gesichtern ihre Magazine leer und ließen ihre Flieger Jagd auf Fahrrad fahrende Kinder machen.

Schweine halt.

Dauerte lange dauerte, bis ich begriff, dass ein verlorener Krieg was anderes als eine verlorenes Fußballspiel ist. Und das an die Schiffswände der Pequod keine Hakenkreuze gehören, nicht mal um MOBY DICK zu erschrecken. Da konnte der edle wilde riesige negrige sanftmütige Queequeg noch so breit lachen. Gelernt habe ich das aus den Tränen meiner Mutter, die sich wiederum vom Direktor meiner Schule über die grafischen Künste und das drohende politische Defizit ihres Sohnes belehren lassen durfte. Nazi bin ich nie geworden. Scheint, als hätte der Anschiss gewirkt.

Russischer Panzer
Quelle: publicism.info

PLOCK!

Ich pisse mir in die Hosen und bewege mich langsam zurück zum Ausgang des Parkplatzes. Panisch würgt Haiko am Zündschloss des alten Dacias herum. Knallend wird die Tür der Wellblechhalle aufgestoßen. Das Licht der Taschenlampe des Nachtwächters zeigt wie ein Finger auf uns.

PLOCK!

Tante Renate hatte zwei Söhne, einen gewaltigen Sprung in der Schüssel und keinen Mann. Bis auf die Sache mit den Kindern glaubte ich davon meiner Mutter kein Wort. Der Jüngere, Peter, stank immer nach Maggi, ist heute Industriemetzger. Punkt. Der Ältere, Paul, hatte Arme, die dicker als die meines Vaters waren. Ein nordischer Halbgott, der vom Gedanken an eine Karriere als Hundeführer bei der Nationalen Volksarmee besessen war. Bis ihm die Wende rein grätschte und die Grenze, zu deren Bewachung er seine ganze Energie aufzubringen sich verpflichten wollte, fiel. Und dass, bevor er einen Dienstgrad erreichte, der ihm den Umgang mit Diensthunden ermöglichte.

Einen, der substanziell über dem des Zwingerreinigers angesiedelt war.

PLOCK!

Renates Meise bestand in einer Begeisterung für alles, was aus Japan kam. Sie strickte am liebsten Pullover, die wie Kimonos aussahen und so schön waren, dass man sie nur zu Hause tragen konnte, wollte man keine aufs Maul riskieren. Vielleicht bekam sie deshalb keinen Mann ab. Wenn damals bei uns etwas noch seltener als Wolle zum Stricken war, dann unverheiratete Japaner mit ausreichenden Deutschkenntnissen.

Screenshot aus "Vier Panzersoldaten und ein Hund"
Screenshot aus »Vier Panzersoldaten und ein Hund«

PLOCK!

„Und wer hat die Idee mit dem Moniereisen gehabt? Der Wittek? Der Fahrer? Oder du?“

Der Bulle, Kerzinski, wechselt gerade zum dritten Mal seine Taktik.

Vor zwei Stunden ist er wie John Wayne in den Raum gekommen. Dann, nach dreißig Minuten: Umschalten auf Jesus.

Bitte schnallen sie sich an und bringen sie ihre Sitze in eine aufrechte Position. Wir erreichen soeben den "Ich kann dir nur helfen, wenn du mir hilfst!"-Modus!

Schweigend kratze ich in der Zwischenzeit mit dem Nagel den gelben Inventaraufkleber des Tisches vor mir ab. Soll mir mal deswegen dumm kommen, schließlich war das mal Volkseigentum.

Brauchen wir noch eine Stunde, ist das Ding ab und Kerzinski kann den Tisch mit zu sich nach Hause nehmen. Gern geschehen. Der Morgen dämmert grau, die Fenstergitter bleiben so schwarz wie die Gardinen gelb.

PLOCK!

Erzählte ich in Ermangelung echter Redebeiträge den Neusten Witz von Onkel Fritz, ging Paul milde darüber hinweg. Meistens lenkte er das Gespräch dann auf die Vorzüge russischer Maschinenpistolen.

„Und woran erkenne ich nun den Unterschied zwischen einer Maschinenpistole und einem Maschinengewehr?“

„Die Pistole is' kleiner. Das Gewehr is' lauter.“

„Aber mal angenommen, ich stehe zum ersten Mal vor einer Kompanie Soldaten und einer sagt zu mir Zeige mir den Soldaten, der die Maschinenpistole trägt und ich kann das nicht erkennen, weil die nämlich alle Maschinengewehre tragen, also nur mal angenommen, oder vielleicht tragen die auch alle Maschinenpistolen, wer weiß, jedenfalls kann ich das nicht erkennen, weil es ja keine Unterschiede zu sehen gibt, und der Mann sagt wieder Wer hat denn nun die Maschinenpistole? und ich weiß das nicht...“

„Das wirst du dann schon sehen.“

„Und was ist nun gefährlicher?“

„Immer der Hund. Wenn der dich hat, genau hier..." - Paul legt seine riesigen Hände an meine Kehle - „...dann wartet er. Wenn er gut abgerichtet ist. Ansonsten...“

„Ansonsten?“

„Todesbiss. Ein deutscher Schäferhund braucht da noch nicht einmal besonders viel Kraft, geschweige denn einen besonderen Befehl. Die sind so im Eimer, die merken gar nicht, dass sie außer Kontrolle sind. Überzüchtung und so.“

Bundesarchiv, Bild 183-U1007-0009 / Wolfgang Kluge / CC-BY-SA 3.0

PLOCK!

Wittek geht noch einmal seinen Zettel durch:

  • Ein Doppelkasstendeck für Rico,
  • zwei Boxen für Dani,
  • Mark will ein neues Autoradio
  • und Clemens, die Klemme, drei Mikros für seine Hatecore-Band.

Wittek ist so bescheuert, Wittek schreibt sich für alles einen Zettel. Würde mich nicht wundern, wenn Wittek einen Zettel in seiner Unterhose hat, auf dem Nach dem Kacken: Hochziehen nicht vergessen! steht.

PLOCK!

Es ist Sommer und da war ein See. Die Dorfjugend sitzt heute im Landesparlament, auf dem Chefsessel des geerbten Kleinstbetriebes, in den Gängen der Arbeitsagentur oder im Knast.

Damals aber hockten wir alle um ein wildes Lagerfeuer, abgefüllt mit Hormonen, halbgarer Bratwurst und süßem Likör. Nur die Anführer tranken Bier, aber die waren meist irgend eine Pommeranze vom Land vögeln, bevor sie mit ihrer grinsenden Beute im Arm zu uns stießen. Die Mädels waren so strohdumm, dass sie sich nun für verliebt und oder schwanger hielten, auf jeden Fall für etwas besseres. Aus Radio wummert es. Die Nachrichten berichten von einem zu Tode gedroschenen Amadeus oder so. Jubel. Einer weniger.

PLOCK!

Bellen.

Das Fauchen eines dünnen Gegenstandes, der Luft zerteilt.

Ein immer leiser werdender Anlasser.

Und immer wieder: PLOCK! Sirr! PLOCK! Sirr! PLOCK!

Zu Beginn stöhnte der Nachtwächter noch bei jedem Schlag, doch mittlerweile ist er still geworden. Dem Typen mit der Stange ist das egal, und mir auch. Er holt weiter aus PLOCK! Sirr! PLOCK! Sirr! PLOCK! schlägt weiter zu, wird nicht müde. Das hat ja alles nichts miteinander zu tun. Hatte es nie.

PLOCK!

Irgendwann schnappte man sich halt mal einen Assi oder einen Bimbo und ließ ihn dann bluten. Wegen deutscher Arbeitsplätze, deutscher Frauen oder einer anderen, deutsch-exklusiven Heiligkeit. Unsere Generation vergewisserte sich ihrer Macht und schrieb sich mit Fidschemuckenblut in die Annalen der Tieflandsbucht ein. Wir waren grölend die stillen Helden eines Überrestes, der nun die Freiheit hatte. Zu allem. Und doch nichts.

PLOCK!

Als die Bullen anrücken, ist von Wittek nichts mehr zu hören, wahrscheinlich ohnmächtig. Auch Haiko ist weg. Der Bulle, der mir die Handschellen anlegt, drückt mein Gesicht in den blutnassen Kies. Ich würge etwas und bekotze fast den Nachtwächter. Wäre nur gerecht, schließlich ist es seine Soße, die ihm aus dem zerhackten Gesicht läuft.

Bundesarchiv, Bild 183-15410-0411 / CC-BY-SA 3.0

Fuck, sind wir befreit!

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