2019_01_23

Heute ist der Tag gewesen, an dem ich beschloss, mich über nichts mehr zu ärgern.

Ich erwachte wie jeden Morgen, ohne Vorhaben, Geduld oder Ruhm, ging ins Bad, spie aus und bereitete mein Ansehen für die Welt vor. Plötzlich stürmte meine Tochter herein, trampelte barfuß über die Fliesen, warf etwas zu Boden und ließ ihrerseits die Menschheit wissen, dass es sie noch gab. In diesem Moment fasste ich meinen Entschluss: Es sei mir egal.

Fortan sah ich in allem nur noch das Gute. Soll sie doch wie eine Elefantenherde stampfen - sie ist ein Kind, dessen Energie das deutsche Architektur- und Ingenieurswesen wohlbedacht und die Decken und Fußböden entsprechend vorbereitet haben wird. Keine Minute später klingelte es an der Wohnungstür. Unser ewig vergrätzter Nachbar stand frisch rasiert, übertrieben parfümiert, übel borniert, als Stressor identifiziert, also alles in allem kleinkariert vor meiner müden Erscheinung. Seine Entrüstung traf mich nicht unvorbereitet, dies war nicht seine erste Ansprache in »der Sache«. Doch heute ärgerte er mich nicht, niemandem sollte dies vergönnt sein. Er ist doch auch nur ein alter Mann, dachte ich mir, der zwischen den Problemen seiner Prostata und geplatzten Wasserrohren in seinem Garten hin und her geworfen ist. Welche Ironie des Schicksals!

Mein Stoizismus verlieh mir die Superkraft der absoluten Duldung. Auf dem Weg zur Arbeit radelten todessehnsüchtige Studentinnen wie in einer entropischen Choreografie vor mir herum – sollen sie doch! Unbedarftheit ist das Privileg der Jugend und Schulterblicke für abbiegende Verkehrsteilnehmer sind in neun von zehn Fällen doch verzichtbar!

Hormonbelastete Autofahrer brausten hinter mir an die Orte ihrer täglichen Fron. Will ich es ihnen verübeln, dass sie im Straßenverkehr nach dem Adrenalin suchten, das ihnen ihr Tagwerk vorenthält? Nein! Hätten sie wirklich fantastische Jobs, wäre ich ihr Kollege, denn nichts anderes war heute Morgen und alle Zeit mein Ziel!

Schon im Morgengrau sonnenbebrillte Fußgänger sprangen mir vor das Rad - schön, dass sich hier noch jemand anderes an die Lebensweise der Lemminge erinnert! Und dass sie hinter ihren dunklen, gesichtsumspannenden Gläsern in weißen Gestellen wie Fliegen aussahen? Egal! Stevie Wonder machte dies zu seinem Markenkern und alle wissen Bescheid, um wen es sich handelt, selbst wenn sein Imitator noch so ungelenk daher kommt.

23. Januar 2019

Nichts davon focht mich an. Kein Geschrei im Büro, keine noch so himmelschreiende Inkompetenz meiner Kollegen; selbst die Vergewaltigung des zehntausend Jahre alten Kulturguts Mittagessen durch die Kantineros brachte mich nicht aus der Mitte. Zwar registrierte ich all die Entsagungen der Vernunft meiner Umwelt, doch nicht das Geringste vermochte die innere Erregung meine Balance zu erschüttern. Sie mochten ihre Gründe für ihr Verhalten haben, doch was ging es mich an?

Auf dem Nachhauseweg wurde ich von einem Lastkraftwagen überfahren. Zwei mal vier tonnenschwere Achsen überrollten meinen Körper, zermalmten Kopf und Füße und verteilten mich sauber über dreißig Meter Asphalt. Farblich passte der Anblick meines Blutes hervorragend zum eintönigen Straßengrau, lediglich der an beiden Enden zermatschte Körper wies eine gewöhnungsbedürftige Ästhetik der Dekonstruktion auf. Dass ich auf der Stelle tot war, passte ins Bild, doch auch ein langes, qualvolles Sterben unter den Augen herbei geeilter Gaffer hätte mich nicht sonderlich erregt.

Das mag klischeehaft klingen, aber seien Sie, lieber Leser, sich dessen aus erster Hand versichert: Es ist so. Ich war dabei.

Mit den letzten Millivolt meiner Synapsen lief mein irdisches Leben vor mir ab. Wie in einem Kinosessel betrachtete ich mein Werden, Sein und Vergehen, und wäre Letzteres nichts solch ein drastischer Schlussakkord gewesen, könnte man durchaus von einem akzeptablen Familienprogramm sprechen. Einzig der Protagonist war ein Dummkopf, der sich allzeit über Nichtiges empört hatte, der jede noch so globale Verantwortlichkeit (Eisbären, Tschernobyl, Gewalt gegen Frauen, Diesel im Dönerfleisch, Pferde mit falschen Abgaswerten, einstürzende Textilfabriken, Taliban, Trump) mangels eigenen Lebens annahm und sie zur Richtschnur seines Handelns machte. Jedoch drehte sich zum Ende hin der Plot und aus dem Dussel wurde ein Narr.

Ich würde sagen, es liegt ein Happy End vor.
Und das Popcorn hier oben ist fantastisch.

Kommentare

Etwas zu sagen? Her damit!

Social Media Reaktionen

1x weiter verbreitet (Retweet, Blog usw.)

7x sehr gemocht (Likes)