2019_01_10


Der Bahnhof. Clara. Die Flucht. Scham.

Eigentlich hätte das Mädchen gar nicht mehr hier sein dürfen. Doch durch eine Nachlässigkeit des Wächters befand sie sich nun auf der anderen Seite der gläsernen Tür. Der Prager Winter zerrte an unseren dünnen Jacken. Diese waren uns bei der Abfahrt noch lächerlich dick vorgekommen, ließen uns aber nun spüren, dass wir keine Ahnung hatten, wie fest die Kälte im Osten zuzupacken verstand.

Neben Mutter standen zwei Männer. Gemeinsam fröstelten wir die nächsten Stunden der Öffnungszeit der Fernbahnhofstür entgegen. Ich stellte mich so hin, dass der Wind gegen den Karton mit dem Eishockey-Spiel blies, wegen dessen wir hergekommen waren. Die Achtziger neigten sich dem Ende zu, nur diese Nacht schien nicht vergehen zu wollen.

Der Zug, welcher uns heim bringen sollte, stand wahrscheinlich noch in seinem Depot. Ich konnte körperlich fühlen, wie sich der Lokführer gerade in seinem Bett auf die andere Seite drehte. Warm eingepackt, vielleicht sogar unter seinen dicken Decken schwitzend. Neubauwohnung, garantiert sogar mit Innenklo. Und Badewanne! Auch meine Eltern arbeiteten im Verkehrswesen, aber als Straßenbahnfahrer genossen wir nie dieselben Privilegien wie die Reichsbahner. So lebten wir am Rande der Stadt hinter grauen, verrußten Mauern, wuschen uns an einem blechernen Becken und mussten zum Kacken in die Frostkammer halbe Treppe tiefer.

Mutter riss eine Schachtel mit Oblaten auf, um mich bei Laune zu halten. Einer der Männer bot mir an, eine Runde Eishockey gegen mich zu spielen, was sie zwar registrierte und mit unmütigen Kopfbewegungen quittierte, wogegen sie aber nicht einschritt, teils vor Müdigkeit, aber hauptsächlich aufgrund der Tatsache, dass sie mit mir nichts mehr anfangen konnte. Historisch betrachtet war ich vorgestern noch ihr Kind gewesen, aber nun schickte sich der Lauf der Zeit an, mich in das Zeitalter der Sohnwerdung zu stoßen. Unter Umständen war das auch der Grund, weshalb ich überhaupt das Mädchen bemerkt hatte.

In all dem Hin und Her des Bahnhofs stand sie plötzlich neben mir. Ungelenk versuchte ich sie zu mustern, doch jedes Mal, wenn ich die Augen verstohlen zu ihr drehte, schaute sie mich direkt an und gab mir zu verstehen, dass sie hier den Ton angeben würde. So wie es aussah, waren wir ungefähr gleich alt, auf jeden Fall aber gleich groß, nur dass mich ein Messerformrundschnitt verunstaltete, wohingegen sie einen leichten Überbiss von langen, dunklen Haaren gerahmt bekam. Ein Universum von Sommersprossen aller Größen und Formen breitete sich in diesem Gesicht aus. Ich habe nie wieder eine schönere Frau gesehen.

»Machst'n hier?«, fragte sie mich unvermittelt. Ich erschrak, weil ich der festen Überzeugung war, neben Mutter der einzige Deutsche auf dem Bahnhof zu sein. Ich antwortete schlagfertig, geheimnisvoll, erwachsen, gelassen, mit einem souveränen Spruch, der zeigen sollte, dass mir das alles hier gleichgültig war, der dummerweise aber genauso klang wie »Nüscht!«. Clara, so ihr Name, wartete wohl schon seit acht Stunden mit ihrer Familie auf den Zug nach F., musste aber im Gegensatz zu mir das schwere Los eines kleinen Bruders ertragen, was naturgemäß in dieser Situation immer das schwerste war.

In der Zwischenzeit hatte sie anscheinend den gesamten Bahnhof erkundet, angefangen von den Gleisen der Metro – jenem Wunderwerk, das mir vollkommen neu war, da meine Stadt wohl auf einem Untergrund stand, der eher nassem Semmelmehl, aber nicht stabiler Bausubstanz glich – über die Versorgungsgänge und Aufenthaltsräume der Angestellten, bis hin zu den Wartesälen der Reisenden. Sie zeigte mir alles. Enge Gassen unter den Füßen der Menschen. Runde Mannlöcher, die jeder hindurch Kriechende mit seinen Sachen sauber scheuerte. Protzige Fauteuils für Geschäftsreisende, die rauchten und Mokka bestellten, weil das exotischer als Filterkaffee war und zusammen mit den Weinbrandgläsern den Duft der weiten Welt in die Nasen der Provinzbiedermeier zauberte.

Als wir uns in all dem Gewirr verliefen, gerieten wir an einen Wächter. Arbeitskleidung, billig, hässlich, unendlich strapazierbar. Er griff sich Clara und zog sie an ihren Haaren den Gang entlang. Ich versuchte den beiden zu folgen, doch trotz er ein zeterndes Mädchen hinter sich herzog, war der bulligste Oberlippenbart westlich der Hohen Tatra schneller als ich. Immer wieder rief ich ihren Namen, doch auch das veranlasste ihn nicht, stehenzubleiben. Dass er es dann dennoch tat, hing sicher nicht unwesentlich mit der Dose zusammen, die aus dem Dunkel an seinen Kopf knallte. Zornig ließ er von Clara ab und wandte sich mir zu. Zehn schnaufende Schritte und einige Tropfen warmer Flüssigkeit in meiner Hose später hatte er mich am Arm. Nun zerrte er mich durch die gemauerten Katakomben, als wäre ich ein Kalb, das es zu seiner Mutter zu bringen galt. Worin er nicht ganz Unrecht hatte, was ich aber nicht verstand, da er ausländisch sprach und mir nur das russische Wort für Sehenswürdigkeit im Kopf herumspukte.

Schimpfend warf er mich meiner Mutter vor die Füße (woher hatte er gewusst, dass es die richtige war?). Stunden später, wir warteten noch immer auf unseren Zug, warf er uns genüsslich grinsend und gemeinsam mit den beiden anderen Männern aus der Wartehalle.

Ich erschrak. »Wie geht?«, fragte mich mein Spielpartner, wahrscheinlich schon zum zweiten oder dritten Mal. Er zeigte auf das Spielfeld, auf dem blaue und rote Eishockeyspieler an dünnen Metallstangen über das Eis bewegt und gedreht werden mussten. Ich erklärte ihm die Regeln, spielte aber nur halbherzig. Ich registrierte nur, dass seine Handflächen nicht so schwarz wie seine Haut waren und seine Zunge, welche er vor Konzentration immer ein Stück herausstreckte, das roteste Körperteil war, das ich je an einem Menschen sah.

»Alles OK?«, fragte er mich, nachdem er das dritte Tor in Folge erzielt hatte. Ich hatte kaum etwas davon mitbekommen. Meine Gedanken drehten sich um Clara. Wohin mag sie gerannt sein? Ob sie dem Wächter entkommen war? So sehr ich mich in den Stunden vor unserem Rausschmiss auch bemüht hatte, ich konnte sie nirgendwo mehr aufspüren. Weder am Gleis unserer ersten Begegnung, noch in den Wartesälen oder den Toiletten. Bis vorhin. Als sie hinter der Scheibe stand. Allein.

Ich erzählte Ndugu, davon, der sich redlich mühte, meiner Erzählung zu folgen, es dabei aber dennoch schaffte, mir drei weitere Kisten einzuschenken. »Vielleicht schon geh fahren, home?«, fragte er. »Wer weiß«, seufzte ich, mittlerweile lustlos an allem, auch an diesem Kinderspielzeug. Oder Oblaten. »Wohin home?«, fragte Ndugu. Er bemerkte wohl, dass ich im Eimer war und gab sich redlich Mühe, mich in dieser Kälte nicht auch noch an gebrochenem Herzen eingehen zu lassen. »Sie wollten nach F.«, antwortete ich. »Gut möglich, dort home«.

»F.? Hier nichts F. mehr. Seit Krieg kein Zug mehr nach F. weil Zugstraße kaputt. Jahre her. Heut kein F. mehr. Nicht von hier.«

Schlüssel klappern. Eine sich öffnende Glastür. Die Frau in Bahnuniform erbarmt sich unserer und lässt uns Stunden vor der eigentlichen Öffnungszeit herein. Mutter gibt mir ihre Jacke als Kissen, Ndugu spendet seinen Mantel und bekommt dafür im Gegenzug ein paar Oblaten nebst Becherovka, eigentlich als Geschenk für Vater gedacht. Ich friere, wie ein Hund, denke ich noch so bei mir, bis ich voller Scham bemerke, dass mein Gesicht nass ist.

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