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2019_01_16

Im Hotel A., in welchem wir um diese Jahreszeit immer unseren Nachmittagskaffee einzunehmen pflegten, und dass sich seit mehreren Generationen im Besitz der Familie M. befand, die ihres Zeichens alte Schweizer Kriegsgewinnler waren, sich dennoch etwas auf ihre Neutralität und vornehme Weltläufigkeit einbildeten, hinter unangenehmen Gästen jedoch stets Gesichter machten, trafen wir von Zeit zu Zeit Professor R., wie immer versunken in einen Stapel von Zeitungen, besser gesagt den jeweiligen Feuilletons, hinter denen sein rotgesichtiger Kopf nur selten, und wenn, dann nur schüttelnd auftauchte.

Da die hiesigen Zeitungen, besser gesagt: die Feuilletons, in dieser fest- und damit gesellschaftlich vergnügungslosen Jahreszeit naturgemäß wenig zu berichten hatten, waren R. und sein rotes Gesicht häufiger an unserem Tisch zu Gast, was einerseits für warmfreudige Erheiterung, andererseits für stillwütige Beklemmung sorgte, je nachdem wie der Professor den Konsum seiner Zeitungen, besser gesagt: der Feuilletons, verkraftete.

Er lese sehr viel Zeitung, besser gesagt: die Feuilletons, doch habe er selbst nie auch nur ein einziges Buch zu Ende gelesen, dozierte er des Öfteren, denn man benötige ja auch nicht den Überschuss von tausend Seiten, wenn man nur die ersten zwei und – das war nicht verhandelbar – die allerletzte intensiv genug lese; dabei betonte er das Wort intensiv derart über, dass einem ungeübten Zuhörer, der vielleicht erst seit kurzem am Nachbartisch saß, am Ende des Wortes nicht mehr klar sein konnte, aus welcher Sprache es anfänglich zu stammen schien: Innn-tennn-sieee-f!

Einmal fragten wir ihn, ob er verheiratet oder anders familiär verpflichtet sei, was er aber mit der Rechtfertigung verneinte, dass es sich nicht lohne, sein kurzes Leben an einen einzigen Menschen zu ketten, zumal es ihm, der er schließlich Professor an der hiesigen Akademie (A-ka-de-miiiiie!) war, kaum vergönnt sein möge, eben diesen Menschen so intensiv (Innn-tennn-sieee-f!) kennenzulernen, wie er sich das im Grunde seines weichen Herzens wünsche.

Zwar vermöge er sich die ersten Jahre der Frau mühelos zusammentragen, aufbereiten, aufs Wesentliche beschränkt und komprimiert vortragen zu lassen, doch, meinte er, habe er in diesem so speziellen Falle schlicht nicht die Zeit, bis auf die letzte Seite zu warten, und wie solle er dann wissen, ob es sich auch lohne?

Schließlich habe er naturgemäß nicht ewig Zeit, er, fast ausgelöschter Professor an der Akademie (A-ka-de-miiiiieee).