2019_01_17

– 17. Januar 2019

Es klopft. Frau D. schaut herein. »Professor M. liegt im Sterben«. Mich trifft fast der Schlag. Sicher, ab und zu erinnert man sich seiner noch, wenn man durch die trüben Gänge des alten Instituts geht. Das alte Zimmer. Seminarräume. Notenlisten an der Tür. Die unbarmherzige Gewissheit, dass man es wieder einmal nicht geschafft hat. Das Glück, dass es noch vor der Bologna-Reform geschah.

Dann denke ich an den rotgesichtigen, stets zornig drein schauenden Literaturwissenschaftler, der aber eigentlich ganz nett gewesen sein soll, aber niemals so, dass ich es auch erkennen konnte.

Und dann denke ich an sein Diktum, dass es in der Literaturwissenschaft nicht genüge, einfach nur viel zu lesen, sondern dass man es auch intensiv (Innn-tennn-sieee-f!) tun müsse, mit allem was dazu gehöre, und vor allem »…immer mit Blick auf die Forschung!«.

Und dann denke ich an das Treffen, als ich ihn auf seinen Sohn ansprach, einen gefeierten Kirchenmusiker, der Wettbewerbe gewann und höchste Stellungen errang, was ihm aber nur ein »Ja« entlockte und meinen Versuch, ihn kommunikativ etwas zu öffnen, im Klo herunterspülte.

Und dann erinnere ich mich, wie Frau D., die als Einzige im Institut noch etwas Kontakt zu ihm hielt, mir hin und wieder davon erzählte, wie ihn erst ein Schlaganfall, dann Diabetes, dann die Amputation beider Beine und nun die letzten Grüße der alten Kollegen erreichten. Über letzteres habe er sich sogar noch einmal gefreut, so Frau D.

Ich will daran glauben, dass ihm sein Fontane die Kraft gegeben hat, die man braucht, um all die Scheiße zu überstehen. Und ich wünschte, dass dieser Text nichts mit der Realität zu tun hätte.

Mach's gut, M., alter Zauselkopp.
Mehr als das hier kann ich Dir leider nicht bieten.
Aber das wusstest Du schon, da bin ich mir sicher.

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