2019_01_22

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Das Auto hält.

Stille.

Als ich die Augen öffne, stehen wir vor einer roten Hütte. Es ist kalt. September. Hier oben, im Norden, peitscht die Luft jedes bisschen Temperatur mit harten Schlägen aus dem Land. Gestrüpp schlägt gegen die Reifen, das Auto, die verblassten roten Wände der Hütte; sein Grün tut nur so, als ob es hier Leben gäbe. Oder Hoffnung. Morgen fällt hier der erste Schnee, vielleicht aber auch schon nachher, wer weiß, wen interessiert es, mich nicht. Blauer, beinahe in Schwarz umkippender Himmel, eine Grenze ins unendliche Nichts.

Der Fahrer brüllt etwas, das ich nicht verstehe, ja noch nicht einmal als menschliche Sprache identifizieren kann. Immer wieder derselbe Ruf, Mal um Mal lauter, hektischer, wütender. Er scheint etwas zu erwarten, von mir, jetzt. Doch was bloß? Er steigt aus, läuft um den Wagen, reißt die Seitentür auf. Mein Kopf hängt schwach federnd zu Boden, Gras und Frost beißen mich ins Gesicht. Im Radio läuft New York, New York!.

(Ich trete aus mir heraus, sitze nun auf einem fernen Stern, beobachte die Szene, schmerzlos, lediglich halbherzig interessiert: Inmitten des Nichts zieht ein Mensch ein plumpes Bündel aus seinem Fahrzeug, schleift es in ein windschiefes Gebäude aus Holz, rotwandig, schwarzgedeckt, dabei fluchend und das im Wind wiegende Gras nieder tretend. Kurze Zeit später kommt er wieder heraus, verriegelt die Tür…)

…ein Schloss sperrt mich polternd in die Dunkelheit der Hütte. Im fernen Draußen verweigert sich ein Motor. Türen öffnen sich, wieder Brüllen, dazu Schläge auf hohles Metall. Türen schließen sich. Kreischend springt das Auto an und stiehlt sich in die Welt davon. Der Wind und die Nacht decken meine Hütte zu, somit auch mich. Die Schwärze des Inneren weicht frostfinstrem Grau. Es steht neun zu elf. Nur für wen?

Umrisse: Tisch, Stuhl, kleine blendende Striche dort, wo ich die Tür vermute. Die schrägen Wände irritieren meine Sinne, ich beginne wie ein Betrunkener zu wanken und stürze. »Bleib liegen«, denke ich. »Liegen ist gut, denn was liegt, fällt nicht hin«. Presse meinen Blick auf die Dielen. Besser jetzt.

Plötzlich ein Klingeln. Ein Klingeln? Hier? Kaum gewundert, schon wieder Ruhe.

Muss etwas tun! Bäuchlings schiebe ich in Richtung der Tür, eine fixe Grille brachte mich auf die Idee, sie öffnen zu wollen. Kaum das ich die Schwelle erreiche, klingelt es erneut, diesmal lauter, und: länger. Und: aus. Neun zu elf. Neun zu elf?

Zwei Armlängen entfernt, weiter kann es nicht weg sein. Ich lasse den Ausgang vorerst beiseite, krieche voran. An einer Art Beistelltisch stoße ich mir die Stirn, der Tisch wankt, ein Telefon stürzt herab, brüllende Freizeichen fluten durch den Raum. Keine Tasten, keine Wählscheibe, kein Display, nichts. Ich komme hier niemals raus. Auftritt: Weinender Schlaf.

(Im Traum stehe ich auf einem Berg aus Toten. Über mir kreisen Hubschrauber, Qualm und Staub schieben sich durch die Straßen und fressen jeden auf. Alles wankt und wackelt in Dämpfen von Kerosin und Hölle. Jemand drückt mir eine Fahne in die Hand und sagt, ich wäre jetzt auch einer von ihnen und das wir nun zusammen stehen müssten, unbedingt, denn wir sind ein Gemeinsames. Wo kam der her? Ich sah ihn nicht kommen. Meine Augen tränen, ich wäre jetzt gerne mit anderen Menschen zusammen einsam, aber ich habe ja nun diese Flagge in der Hand, die nicht mir gehört, die mich nicht vertritt, eigentlich, es aber ab heute, ab jetzt tun soll, nein: tut. Überall Schreie, Klingeln, Sirenen, Propeller, Klingeln, Klingeln…)

…klingelt es gerade lauter als sonst? Es klingelt! Ich nehme ab und melde mich leise. Eine Stimme spricht schnell und sicher in die Finsternis meiner Hütte.

– Hören Sie? Was ich ihnen nun sage, sage ich nur einmal. Heute zumindest. Sind sie bereit?

– Wer spricht da?

– Sind sie bereit?

– Ich… Wer ist da? Was wollen sie von mir? Was mache ich hier? Wo bin ich überhaupt?

– Wir haben eine Situation, hören sie? Eine Si-tu-a-tion! Sorgen Sie sich aber nicht! Es sind an höchster Stelle Besprechungen getätigt, Entscheidungen gefallen, Maßnahmen getroffen…

– Eine Situation? Was für eine Si…

– Unterbrechen sie mich nicht! Also: Maßnahmen getroffen worden! Über den genauen Inhalt können wir sie im Augenblick noch nicht in Gänze informieren. Seien sie aber gewiss: Es ist zu ihrem Besten!

– Und wo bin ich hier?

– In Sicherheit. Damit sie in Wohlstand weiterleben können, mussten wir diese Vorkehrungen treffen. Sie sind alternativlos und dienen einzig ihrem Schutz. Halten Sie uns also bitte nicht mit Fragen auf.

– Aber ich bin hier eingesperrt! In einer dunklen Hütte, irgendwo im Niemandsland!

– Was wollen sie damit sagen?

– Ich will damit sagen, dass mich hier jemand festhält. Ich weiß nicht, wer und ich weiß auch nicht warum!

– Ich wiederhole: Halten sie uns bitte nicht mit Fragen auf. Wir sind die Guten. Seien sie froh, dass sie auch zu den Guten gehören.

– Das ist keine Frage, sondern eine Klage!

– Vergessen sie nie: Wir haben eine Situation! Der Feind ist überall! Es ist nur zu ihrem Besten! Sie sind bedroht. Bleiben Sie ruhig und warten sie auf weitere Anweisungen! Wir sind die Guten. Seien sie froh, dass sie auch zu den Guten gehören.

– Und wer sind die Schlechten, die Bösen, der Feind oder wer auch immer?

– Die Anderen.

– Warum?

– Weil wir die Guten sind. Ist doch im Grunde ganz simpel.

– Und wer legt das fest? Wem kann ich hier denn vertrauen?

– Uns. Und wir sagen: Wir sind die Guten. Seien sie froh, dass sie zu den Guten gehören. Ein Letztes noch: Misstrauen sie allen!

Ein Klicken beendet die Ansprache. Neun zu elf. Bestimmt für uns. Bestimmt.

Täglich nun ruft es bei mir an, immer wieder versichert man mir die Notwendigkeit des Vorgehens. Ich habe mich mit der Dunkelheit arrangiert, kann nun sogar manchmal schon wieder Richtung Tür kriechen, vorsichtig, schließlich haben wir eine Situation, da muss man auf alles achten. War die Tür eigentlich jemals offen? Oder bilde ich mir das nur ein? Kann es zudem Leben außerhalb dieser meiner absolut geschützten Freiheit geben? Bei dieser Kälte, in diesem Wind, inmitten all des Grasgestrüpps?

Zumindest bin ich froh, dass ich zu den Guten gehöre.
Das lässt mich dankbar sein.

Man kann ja auch keinem Menschen mehr trauen, heutzutage.