Internet of Trust

Das Leben ist kein Ritterfest, Iron Man!

Ich habe heute bei Twitter ein wirklich großartiges Bild gesehen: Jemand hat eine kleine Drachentöter-Szene mit Büro- und Heftklammern und so einem Ding, mit dem man das wieder rauszwecken kann, gestaltet. Eine der Figuren trug eine kleine Flagge. Beim Betrachten fiel mir auf, dass man in der mittelhochdeutschen Literatur solche Wimpel ein Panier nannte. Kannte damals, im Studium, niemand. Wir dachten, dass das sonst was sei. Mit Banner, das sich daraus ableiten lässt, hätten wir maulfaulen Sachsen sicher mehr anfangen können. Aber das ist hier erstmal nicht das Thema.

Mir geht es um Transport. Von Kultur und Büchern. Wenn man sich das nämlich mal bei Tageslicht betrachtet, sind die Deutschen eine ziemlich einfallslose Truppe gewesen. Unsere Nachbarn im weitesten Sinne – nennen wir sie mal Franzosen und Briten – hatten schon richtig umfangreiche Universen aus Heldenepen, da hat man sich hier noch Märchen vom Teufel erzählt, der dem Schmied ins Essen gespuckt hat. Irgendwann haben die ersten "deutschen" "Autoren" das Zeug ins Land gebracht und sind damit Superstars geworden. Aus Chrétiens Yvain hat Hartmann von der Aue Iwein gemacht und sofort. Gymnasiasten werden auch deshalb seit jeher mit dem Vogelweiden-Wally gefoltert, weil irgendein staubiger Philologe im Kamillenteerausch entschieden hat, dass das nun Leitkultur sei. Dabei ist das alles kaum mehr als schnödes Kopieren, worauf aber so gut wie niemand kam, weil es keinen interkulturellen oder wenigstens überregionalen Austausch gab. Wie auch, wenn damals kaum jemand lesen konnte?

War ja auch angenehm, das alles vorgetragen zu bekommen. Meistens ging es bei den höfischen Erzählungen – Buchdruck war da ungefähr so denkbar wie brauchbare Verkehrskonzepte in deutschen Innenstädten heutzutage – um König Artus und seine Jungs vom Möbellager, Abt. nichteckige Tische. Es gab Pappnasen wie Ritter Keye, der eigentlich nur dazu da war, um für seine große Klappe bestraft zu werden, Hofdamen aller Farben und Geschmacksrichtungen, und Ritter, die das Gewicht einer afrikanischen Schwalbe nur schätzen konnten. Mal zog der eine aus, um eine Burg zu finden, mal ein anderer, um eben jenen Lindwurm vorm Stadttor zu meucheln und/oder eine Frouwe zu freien. Moment mal! höre ich den mediävistisch rückstandsfrei sozialisierten Leser rufen, Ein festes Figurenensemble mit ständig wechselnden Vorgeschichten und Missionen? Ist ja wie bei Marvel!. Recht hat er. Beides war und ist zudem gleichermaßen erfolgreich.

Nun zu den Büchern. Ich mochte diese Geschichten sehr, war aber studientechnisch eine Niete. Zu keiner Zeit brachte ich die Begeisterung auf, mich in Texte so tief zu versteigen, dass die anderen Akrobaten der deutschen Sprache mich als einen der ihren betrachten wollten. War aber auch nicht schlimm, schließlich hatte ich auch ohne deren appreciation ein geregeltes Sexualleben. Dummerweise war für mich Mittelhochdeutsch nicht so einfach wegzulesen wie ein SPON-Text. Ich brauchte Hilfe, ansonsten hätte in meinen Übersetzungen kein Unterschied zwischen Panier und panieren bestanden. Verschärfend kam hinzu, dass ich mich bereit erklärt hatte, eine Hausarbeit über das famose »Daniel von dem blühenden Thal« des gigantisch lustigen Remixers namens »Der Stricker« zu schreiben. War nicht meine beste Entscheidung, aber der Prof. hatte sicher Spaß.

Sekundärliteratur, die so groben Klötzen wie mir hätte helfen können, gab es nicht. Zumindest nicht in libraloplesbarer Form. Neben den Texten von Hegel sind die der Älteren Literaturwissenschaft so ziemlich das lähmendste, das meine Pupillen je ans Lesezentrum durchließen. Saß ich damit in der Bibliothek, gab es in der Regel immer zwei Schläge: Buch auf. Kopf Tisch. Keine zehn Minuten Abstand. Jedes Mal. Aber es gab das Internet und dort lernte ich eine Wienerin kennen, die die gefühlt einzig je gedruckte Übersetzung ins Neuhochdeutsche des »Daniels« besaß.

Ich würde jetzt gerne noch drei Absätze darüber schreiben, wie ich geschickt, subtil, mit dem Charme eines Rudolfo Valentino, unter Aufbringung aller Anstrengungen und Manipulationen die Dame dazu brachte, mir das Buch zu verkaufen. Das wäre aber Quatsch, denn die Wahrheit ist viel verblüffender: Sie hat es mir einfach per Post zugeschickt, im Vertrauen darauf, dass ich etwas damit anfangen kann und es ihr hinterher wieder zurücksende. Einfach so.

Wenn ich heute daran denke, unter welchem Generalverdacht alle Handlungen im Netz oder der Welt stehen, ist das ein richtiges Wunder. Und dass es nur ein paar verbogene Büroklammern brauchte, um mir diesen Kontrast vor Augen zu führen, gleich nochmal eins obendrauf. Wir regulieren uns auf formaler Ebene zu Tode und vergessen dabei, wie einfach das Leben sein kann, wenn man zu vertrauen wagt. Sicher, dies ist kein Patentrezept angesichts der Handlampen, Kinderficker und Hochgeschwindigkeitspenner da draußen. Aber wäre es nicht ein irrsinniger Stunt, wenn wir unsere Gegenüber nicht als feindliche Partei, sondern als jemanden betrachten würden, dem man einfach mal was überlassen kann?

Denn, so lehrt es uns der Daniel, wer sich selbst überhöht, den dicken Otto losmachen will und kassieren möchte, was ihm nicht zusteht, schaut am Ende mächtig in die Röhre. Wie zum Beispiel der Zwerg Juran, der testosterongefüllt mit unserem Helden (normal gewachsen) ein Wrestling-Match veranstalten will und dann, als er zu verlieren droht, sich ein Wettrennen zu seinem Wunderschwert liefert, was er kurzerbein und kurzerhand verliert. Ich will nicht spoilern, aber einer der beiden brauchte von da an keine Friseurtermine mehr.

Also: Vertraut. Dann wird schnell klar, welchen Unsinn die Regulatoren teilweise in den Parlamenten verzapfen. Einfallslos, Artikel für Artikel.

Gruß nach Wien!

Kommentare

Quercus
28.03.2019 · 08:00 Uhr

Libralop
28.03.2019 · 09:53 Uhr

klagefall
28.03.2019 · 19:00 Uhr

Hermes
28.03.2019 · 20:48 Uhr

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Social Media Reaktionen

6 Erwiderungen (Response)

Hermes Trismegistos
Hermes Trismegistos

<3 twitter.com/hermes3s/statu… …weiter lesen »

_phoenicia
_phoenicia

Guten Morgen. Höflich schau Hab versucht, den Text zu lesen. (Wo @hermes3s drin ist, ist immer Qualität. Oder so.) Er überfordert mich um diese Zeit. Gutes Zeichen! Lese ihn später ganz. ;-) …weiter lesen »

Libralop? Hulot!
Libralop? Hulot!

Treten Sie ein, legen Sie ab, hier dürfen Sie bedenkenlos schmökern. …weiter lesen »

_phoenicia
_phoenicia

Hahaha. Ablegen. Um diese Zeit. Ich äh hab ja noch kaum was an. 😁😁 …weiter lesen »

Hermes Trismegistos
Hermes Trismegistos

errötet fährt rückwärts in seine Nische in der Wand Klapptüren schließen sich …weiter lesen »

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