Moira

Once upon a time in everywhere

Wenn ich aus dem Fenster sah, war der Himmel immer gelb. Keine Ahnung, warum das so war. Niemals grau oder blau, kein verwaschenes, von Neonreklamen bespucktes Nachtschwarz oder gar eine dieser verlogenen Morgenröten, die Hoffnung vorgaukeln. Als wüsste der Himmel, was das sei. Egal. Immer nur gelb. Wie das Auge eines Säufers. Tranig, aber immer auf der Suche nach einer neuen Flasche.

Als man in den Außenbezirken nicht mehr leben konnte, wurden wir hierher umgesiedelt. Vater wollte das nicht, aber er hatte letztlich keine Wahl. Weiß nicht, ob irgendwann mal jemandem die Blutflecken auf seiner Einverständniserklärung auffallen werden. Oder ob es jemanden interessiert. Aber nun sind wir hier. Big City. Früher hätten die Leute ihre rechte Hand für diesen Ausblick gegeben. Beste Lage, Innenstadt, am Ufer des Flusses. Nun hocken sechzig Familien in übereinander gestapelten Containern, schreien sich an, ziehen aus, ziehen ein, sind ohrenbetäubend still oder vögeln sich die Hirne butterweich. Und warten. Darauf, dass sie weiter reisen dürfen, ins Hinterland, dorthin wo es noch sicher sein soll. Oder auf die Gangs, die jede Nacht durch die Siedlung streifen, einen Container nach dem anderen aufbrechen und seine Bewohner auch dorthin schicken, wo es keine Sorgen mehr gibt.

»Mason‘s Lunch – Day and Night« winkt mir das Schild von gegenüber zu. Morgens gefüllt mit Bauarbeitern der Festungswerke, mittags mit Angestellten des Ministeriums, nachts mit den letzten verbliebenen Taxifahrern. Wahrscheinlich speist es die ganze Welt. Oder was von ihr noch übrig ist. Ein verglaster, mit roten Gummipolstermöbeln und langem Tresen lockender Busen. Kommt jemand zur Tür hinaus, geht gleich wieder jemand hinein. Kaffee, Eier, Schinken, warme Brötchen, alles synthetisch, natürlich, aber die Illusion funktioniert. Dass das alles hier ein Morgen besitzt. Dass sich Durchhalten lohnt.

Vier Uhr dreißig. Immer. Die Tür öffnet sich und Moira betritt das Mason‘s. Im gelben Licht der Dämmerung, das in seiner Bepisstheit immer ganz besonders widerlich ist, geht sie hinter den Tresen, legt ihren Mantel ab, zurrt sich den Gürtel ihrer kleinen roten Schürze fest, wäscht sich die Hände, atmet tief durch und beginnt damit, die Menagen aufzufüllen. Zehn Päckchen Neosüß, zehn Mineralpulver, ein Dutzend Servietten pro Tisch. Kontrollblick auf die Salzstreuer, falls sich die Taxifahrer wieder einen ihrer Scherze erlaubt, den Deckel abgedreht und nur lose wieder drauf gesetzt haben. Von den Gästen bekommt das niemand mit. Sie sitzen über ihren dampfenden Tellern und sorgen dafür, dass sie auch morgen noch kraftvoll verzweifeln dürfen. 27 Tische. Kleine Grabstellen auf Zeit. Und Moira zwischendrin, als einzige lebende Tote.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, ist der Himmel immer noch da. Keine Ahnung, warum er sich das noch antut. Der Sandstein der Häuser in unserer Straße wirkt dadurch noch dreckiger. Gegen das Licht hebt sich alles nur schemenhaft ab. Manchmal stehen Menschen auf dem Dach gegenüber. Allein. Paarweise. Wie Heiligenfiguren auf einer Kirche, die von etwas künden sollen. Und dann sind sie weg. Ich denk mir, dass sie einfach hier raus geflogen sind und ich das nur nicht sehe, weil sie wie Schwalben durch die Häuserschluchten segeln. Ein Sprung, den Rest erledigt die Thermik. Nonstop ins Hinterland. Oder sogar bis zu den großen Wasserfällen. Am nächsten Abend sind sie wieder da. Oder sind es andere Leute? Keine Ahnung. Gelb umrandete Schatten. Immer nur gelb. Wie das Auge eines Säufers. Traurig, weil voller Erinnerungen, verzweifelt, weil immer neue dazukommen.

Erstaunlich, wie schnell so ein Schädel bricht. Chicken Joe hat nichts kommen sehen, außer die Mauer, die auf sein Gesicht zuraste. Das wichtigste ist, dass man dabei den Hinterkopf ganz fest hält. Schnappt man sich den Typen nur am Genick, kann er kurz vorher noch beiseite schauen und aus irgend einem Grund hat das dann nicht die selbe Wirkung. Knallt er aber mit der Stirn auf die Wand, sind die Lampen aus. Ist man schnell genug, sorgt man dafür, dass sich das Nasenbein bis ins Hirn bohrt. Häßlich, aber effektiv. Kein Geschrei, keine Zeugen, kaum Blut auf den Klamotten. Dass Chicken Joe die Hosen unten hatte, weil er Moira in der kleinen Gasse neben dem Mason‘s einen verbraten wollte, machte mir die Sache deutlich einfacher. Mit einem dämlichen Uff sackte er im Rinnstein zusammen und zuckte noch etwas im Pfützenwasser vor sich hin. Wie ein viel zu großer Fisch, dem gerade klar wird, dass es mit ihm zu Ende geht.

Moira zitterte und hielt sich schützend die Hände vor‘s Gesicht, als ich ihr aufhelfen wollte. »Gute Reflexe, Kid«, sagte ich, weil mir nichts besseres einfiel und ich auch sonst nicht wusste, was man so sagt, wenn man gerade das Mitglied einer Gang zermatscht und damit ziemlich sicher sein eigenes Todesurteil unterschrieben hat. »Alles klar?«. Kaum hatte ich gehört, was ich da gefragt hatte, wurde mir die unfassbare Dämlichkeit dieser Frage bewusst. »Kannst du laufen?«. Moira nickte.

Wir gaben uns keine Mühe, um uns zu verstecken. Die Bullen würden Chicken Joe in der nächsten Stunde finden oder jemand würde ihnen zeigen, dass hier die große Show für den miesesten Ficker der Stadt geendet hatte. Urteil: Deportation, sofort zu vollstrecken, abgewickelt durch die Abteilung Zivile Homogenisierung. Für Moira und mich. Keine Diskussion, keine Verhandlung, einfach nur reine Effizienz. Alternativ käme Joes Gang auf einen Kurzbesuch vorbei. Urteil: Filetiert den Typen, habt Spaß mit dem Mädchen und sorgt dafür, dass es jeder sieht. Nichts überzeugt mehr, als öffentlich zur Schau gestellte Grausamkeit. In dieser Totenstadt aus Mietskasernen und Flüchtlings-Containern dachte sowieso jeder nur an seine eigenen nächsten 24 Stunden in Gottes vergessenem Scheißhaus. Aber wenn es Action gab, der gute alte rote Saft nur so sprudelte und endlich einer nicht mehr aufstand, wachten sie alle auf. Irgendeiner hatte immer was gesehen. Jetzt wird es nicht anders gewesen sein. Also ging ich mit Moira zu den Containern, als wäre nichts geschehen.

Tatsächlich brauchte es nur Moiras kleine Schürze, um meine zwölf Quadratmeter nach Kaffee und Rührei duften zu lassen. Sie duschte sich, ich gab ihr ein paar von meinen Klamotten. Gemeinsam standen wir am Fenster. Dann gingen wir rüber aufs Dach und ließen uns ein bisschen gelben Himmel ins Gesicht scheinen.

Pünktlich erschienen die Behörden und sperrten alles ab. Ein alter Süffel stand bei den Chefbullen, gestikulierte und zeigte auf unser Fenster. Alles in allem eine gute Tanznummer, vorallem wie der Kopf zerplatzte war famos vorgetragen. Man konnte Joes Uff fast hören. Seine Gang hatte sich vollkommen unbehelligt an der Absperrung gesammelt. Sie hörten alles mit und schwärmten aus, als der Zeuge seine 30 Credits in Empfang genommen hatte. Stoff für zwei Tage. So lässt es sich sterben.

Allein. Paarweise. Wie Heiligenfiguren, die vergessen haben, von was sie künden sollten. So stehen sie neben uns. Und dann sind sie weg. Ich schaue ihnen nach. Sie segeln keinesfalls wie Schwalben durch die Häuserschluchten. Gravitation schlägt Thermik, so ist das nunmal. Nonstop. Das Hinterland oder sogar die großen Wasserfällen sind weit weg. Und bleiben es. Am nächsten Abend sind wieder andere da. Aber das ist dann nicht mehr mein Problem. Mit Sicherheit. Moira und ich sind gelb umrandete Schatten. Immer nur gelb. Wie das Auge eines Säufers. Voller Tränen, wie wenn der Wind hineinbläst.

Foto: Clara Cosmos, mit großer Bewunderung als Inspiration und mit ihrer freundlichen Genehmigung als Bild für diesen Text benutzt. Danke!


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– 22. Dezember 2020 –


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