Moments of Green

Letzte Gedanken an London

Viele Menschen freuten sich über die kleinen Reiseberichte aus London. Ich freue mich darüber, dass es euch, meinen geneigten Lesern, den Tag versüßt hat und ihr es mich habt wissen lassen. Danke dafür!

Nun sind wir seit zehn Tagen wieder daheim. Alles hier fühlt sich unecht an. Wie ein Wunsch, der nie erfüllt, ein Film, der nie gedreht, ein Lied, das nie gesungen wurde. Sagt man nicht, dass es zu Hause am schönsten sei? Mir fällt alles schwer. Diese Reise war eine Infektion mit goldenem Fernweh. Auf dem Rückflug habe ich geweint.

Tomatensaft. Nein, meint die Stewardess, der hilft nicht gegen die Luftkrankheit. Aber manche sagen, dass er im Flugzeug auf Grund der Luftdruckverhältnisse besser schmecke. Der Ärmelkanal. Die Sonne explodiert in tausend Farben und endet in einem dunklen Schlussakkord. Draußen ist nur noch Wasser zu sehen. Nun sind wir wahrhaftig nicht mehr auf der Insel, Toto.

Umstieg in Frankfurt bedeutet: Sie erreichen locker ihre tägliche Mindestschrittzahl. Ganz gleich, ob man die Treppe oder den Lift nimmt, am Check-In-Schalter sind letztlich alle wieder gleich. Vielleicht wäre das die letzte Bastion des Egalitarismus, gäbe es nicht den Vorzug für die Business-Class-Kunden. Geschenkt. Zusammen mit einem Heer von Funktionsjacken-Trägern erhalten wir beim Boarding eine kleine Tüte Kartoffelchips. 98% der Mitfliegenden haben diese aufgerissen und verzehrt, bevor der letzte Fluggast die Maschine betritt. Früher fragte ich mich, woher dieses Stereotyp des unkultivierten Hunnen eigentlich stammt. Jetzt weiß ich es.

Ankunft in Leipzig. Holpriger Flug. Kein Bordservice. Das Team entschuldigt sich, aber Sicherheit geht vor. Beim Aussteigen ist es mir ein Bedürfnis, den Flugbegleiterinnen zu sagen, dass sich niemand jemals dafür entschuldigen sollte, dass er aus Sicherheitsgründen keine Snacks verteilen konnte. Erstaunte Gesichter. Später treffen wir uns noch einmal am Gepäckband. Der Dank ist ganz meinerseits.

Als ich heute durch die städtische Grünanlage spaziere, schenkt mir die Welt einen kleinen Hyde-Park-Moment. Krähen springen hinter das Rasenmäher-Mobil. Im kurzen und duftenden Gras finden sie nun viel leichter ihre Beute. Linde, Flieder, Erinnerungen, alles tanzt in meine Nase hinein. Eine tiefe Ruhe ergreift mich. Leipzig. Ja. So ist das. Dir fehlt nichts, wenn Du ein Träumer bist.

Vielleicht ist man überall dort zu Hause, was zu dem passt, was man im Kopf, was man im Herzen trägt. Wo die eigenen Geschichten leben. Am Ende ist das alles nur ein großes Theaterstück, bei dem man selbst die Handlung schreibt, Regie führt und die Kulissen baut. So wie ich London erlebt habe, gibt es das nur für mich. So wie ich an mir und der Welt leide, gibt es das nur für mich. Jeder hat seinen Platz, irgendwo, ganz gleich, wie verrückt er ist.

Wichtig ist nur, diesen Platz zu finden.
Und nun warte ich auf mein Schiff Richtung der Grauen Anfurten.

Kommentare

Etwas zu sagen? Her damit!

Social Media Reaktionen

4 Erwiderungen (Response)

Frau Stich
Frau Stich

vielen dank für diesen wunderbaren abschluss! ♥️ …weiter lesen »

Libralop? Hulot!
Libralop? Hulot!

🇬🇧 Von Herzen gern! 🇬🇧 …weiter lesen »

Herr Ackerbau
Herr Ackerbau

Wir haben zu danken. …weiter lesen »

1x weiter verbreitet (Retweet, Blog usw.)

7x sehr gemocht (Likes)