Nicht weniger


Das Leben ist wie ein Fußballspiel. Nicht weniger.

Erste Halbzeit

Fußball ist die ganze Welt zwischen ein paar Kreidelinien.

Als ich auf die Welt kam, brach Vater mit allem, was in seinem Leben bis dahin eine Rolle gespielt hatte. Diese recht überschaubare Ansammlung sozialer Aktivitäten wäre schnell aufgezählt, entscheidend aber ist, dass er sich mit meiner Ankunft auch vom Fußball entfernt hatte.

Mehr noch: Vater lag mittlerweile mit seinem Verein über Kreuz. Er erzählte mir davon, wie ihn einst an den Spieltagen, noch vor dem ersten Sonnenstrahl, die Aufregung aus dem Bett trieb. Er kannte praktisch jedes Nest von hier bis zum Sudan, sofern es dort eine Wiese mit Toren gab und sein Team auf dem Spielberichtsbogen stand. Doch als man in unserer Stadt dem Wahn verfiel, dass bezahlter Fußball Arbeitsplätze, Steuereinnahmen, weniger Kriminalität, sauberere Straßen, ständig schönes Wetter, Arbeitsplätze, kulturelle Bereicherung, Synergie-Effekte, touristische Attraktivität, Investitionsvorhaben und Arbeitsplätze schaffen würde, konnte Vater dort nicht mehr hingehen. Wie ein Hund litt er unter der Erkenntnis, dass die ollen Suffköppe auf den Tribünen und die noch süffigeren Fans auf den Stehplätzen sich selbst zu Stimmvieh degradiert hatten. In lächerlich pseudo-demokratischen Vereinsversammlungen schmissen sie jedem ihre Stimme hinterher, der an dem Abend das Bier spendierte.

Grün-weiße Fahne

So blieb er fortan jedes Wochenende daheim. Mutter freute das sehr, und auch ich fand es toll. Nun gut, manchmal schlief er vor Langeweile neben mir im Kino ein. Aber wenn er vom eigenen Schnarchen erwachte, gelobte er hinterher immer blütenweiße Besserung und garnierte das mit einer Waffel Schokoladeneis. Es gibt Dinge, die Männer verbinden, auch wenn sie altersmäßig dreißig Jahre auseinander liegen. Ein schlechtes Gewissen und kühle Erpressung gehören dazu. Und das geht in Ordnung so. Das sind die Regeln des Spiels und sie gelten. Für jeden gleichermaßen.

Trotz allem: Der Fußball lies ihn nicht wirklich los. Wäre sein Leben ein französischer Film gewesen, kämen die Zeitungsberichte über seinen Verein der Adresse einer längst abgelegten, jedoch niemals vergessenen und in heimlichen Augenblicken traurig herbei gesehnten Geliebten gleich. Beim Auslüften alter Anzüge wäre wahrscheinlich ein niemals abgeschickter Brief aus der Tasche gefallen, unverhofft, erschreckend, befeuernd. Die staubige Brüchigkeit des Kuverts hätte all die Erinnerungen zurück geholt, die er längst vergessen zu haben glaubte.

Zweite Halbzeit

Eines Winters, ich war fünf oder sechs, ging er mit mir endlich ins Stadion. Zum ersten Mal. Nein, nicht den Prunkbau, den die Stadt aus gewichtigen Gründen über die Schmerzgrenze hinaus subventioniert hatte. Sein Verein hatte sich in einem Jahrzehnt durch ein gefühltes Dutzend Insolvenzen geschummelt und spielte nun wieder im alten Sportpark.

Wir kamen pünktlich, was so viel bedeutet wie: Zur zweiten Halbzeit.

Schild

(Vater hatte natürlich vorgehabt, pünktlich zu erscheinen, so richtig, von Beginn an. Wäre er damals selbst für seine Beerdigung zuständig gewesen, hätte er sicher auch hier die Anwesenden für eine Weile versetzt. Temporale Dysfunktionalität nannte er sein Leiden. Ohne Not immer fünf nach zwölf lautete Mutters Diagnose.)

Ein Ordner ließ uns noch rein. Für lau. Wir erklommen eine Unmenge schiefer Stufen. Angeblich hat nach dem Krieg sogar die Mannschaft an dem Stadion mit gebaut. So sah es auch aus. Kurz unter der Wolkendecke hatten wir unseren Standort erreicht.

Vaters Platz war am Norddamm, Stehplatz, direkt neben der Anzeigetafel. Man sah von hier wunderbar. Vor mir erstreckte sich ein eng abgestecktes Rasenviereck, eingegrenzt von Zäunen und Werbebanden. Auf diesem Grasteppich schossen Männer einen Ball hin und her. Manchmal fiel einer hin. Dann kam von der Seite eine Art Sanitäter mit Decke angerannt, damit der Gefallene nicht fror. Später stellte ich fest, dass dieser spezielle Sanitäter auch im Sommer mit Decke unterwegs sein sollte. Er war der Eddy the Eagle des Roten Kreuzes und pflegte einen Laufstil, den sich Monty Python nicht besser hätte ausdenken können. Die Menge johlte und viele angeblich Schwerstverletzte sprangen schnellstens wieder auf, weil sie befürchteten, dass dieser Typ sie behandeln würde.

Mir war, als sei das Stadion ein eigener Planet. Millionen Menschen waren hier, standen auf Stufen, die sich beherzt gegen die Schwerkraft wehrten, oder hockten auf kleinen Sitzschalen, deren Anblick allein schon Hämorrhoiden verursachte. Und dieses Rufen! Als dirigiere sie ein unsichtbarer Taktstock, ließen alle ein kehliges "Ooouhhh" oder ein wütendes Sch-Wort erschallen.

Tipp Kicker

Männer mit Bierbechern standen beieinander und sprachen über wichtige Dinge. Männer ohne Bierbecher gingen zu kleinen Ständen, um sich Nachschub zu besorgen. Männer verabschiedeten sich, betreten eilig und ohne Becher, und kamen wieder, erleichtert und mit neuen Bechern.

Dass meine ersten Erinnerungen an Fußball mit Entbehrung, mit Kampf, Härte, Leid verbunden wären, kann ich nicht behaupten. Hier gab es alles, was mein Herz begehrte: Spielgefährten, Bratwürste, Limo. Ich konnte mit den Kindern der anderen Väter schreien, toben, Treppen hoch und runter rennen, Erwachsene beim Pinkeln hinterm Damm mit kleinen Kieselsteinen bewerfen. Niemand hielt mich auf, keiner bat um Ruhe oder warf gar etwas zurück - wie auch, ohne freie Hände. Es war wie im Kindergarten, nur dass sich hier niemand um die Leute scherte, die ständig das Sch-Wort riefen.

Vater erklärte mir das Spiel. Die Weißen, das sind unsere. Die Schwarzen die anderen. Als er versuchte, die strenge Einteilung in Wir und Die, Gut und Böse, Unsere und Blöde zu relativieren, fragte ich ihm, wer der Rote sei.

»Das ist der Schiedsrichter, der passt auf, dass es keiner übertreibt und Mist baut.«

Verlassene Tribüne

Das beruhigte mich. Wir befanden uns in einer fremden Welt, und doch gab es hier jemanden, der die Dinge regelte. Ab und zu fiel mal einer um. Dann pfiff dieser Schiedsrichter. Manchmal riefen die Leute dann wieder "Ooouuhh Menno!" aber das schien dazu zu gehören.

Ich lernte, dass man sich wie ein Springteufel benehmen darf, wenn Unsere ein Tor geschossen hatten. Ein Mann neben uns umarmte Vater und Vater umarmte ihn. Keiner kannte den anderen. Aber auch das war in Ordnung. Ich hielt meine Bratwurst fest und sorgte dafür, dass niemand meinen Limobecher umtrat. Ich würde hier niemanden umarmen, so viel stand schon mal fest, aber Vater zu sehen, wie er in die Knie ging, wenn einer der Anderen auf unser Tor schoss, war unbezahlbar.

Nie war ich ihm näher als hier.

Kids

Wir hauten die Schwarzen 4:0 weg. Wir putzten sie ab, wir schickten sie nach Hause, wir versohlten ihnen den Arsch. Siege ohne Verluste waren mit eigentlich die liebsten. Doch nichts ging über die Partien, in denen alles gegen uns stand: Wetter, Schiedsrichter, Verletzungen, kurz: Das Schicksal als solches, und wir das Ding doch noch zu einem guten Ende brachten. Legendäre Abwehrschlachten, mit neun Spielern, die achtzig Minuten die Kiste sauber hielten und ein Remis ertrotzten; Galavorstellungen, die unter Ausschluss der physikalischen Gesetze stattfanden, in denen all das gelang, wozu man in Hollywood Stuntmen und Computertricks benötigt.

Natürlich, Niederlagen gab es auch, und das nicht zu knapp. Aber die steckte man weg. Wie es sich für echte Körls gehört. Nur Weicheier treten nach.

Nachspielzeit

Erst Jahre später, ich war mittlerweile an der Uni und selber Vater, begriff ich, wie tief die Weisheit war, die mein alter Herr besessen hatte. Im Grunde genommen hatte ihm das niemand zugetraut - außer Mutter, die wie eine schlaue Füchsin hinter alles blicken konnte und der man nichts vormachen konnte. Einige Monate nach seinem Tod fand sie auf dem Dachboden einen alten Koffer, darin die gesammelten Aufzeichnungen eines Lebens zwischen ständigem Hoffen und nimmer enden wollender Trübsal. Halbgare literarische Gehversuche, philosophische Fragmente, Tagebücher. Eine kleine Fußballerpuppe mit roten Haaren, die er als Kind geschenkt bekommen hat. Fotos. Ein Schal von "OFI Kreta".

Spieler

Die Puppe steht mittlerweile bei meinem Sohn im Zimmer. Vaters Aufzeichnungen habe ich für meine Diplomarbeit benutzt. »Ethische Ansätze in einer Gesellschaft des Spiels - Die Moral des homo ludens«. Auf genau neunzig Seiten führte ich im hochwissenschaftlichen Sprachgeklirr aus, was Vater als Schlussfolgerung zur Grundlage seines ganzen Lebens gemacht hatte:

  • Erlaubt sind nur die Füße, der Kopf und die Brust - Du bist also determiniert.
  • Es gibt Regeln, die funktionieren und das Spiel gelingen lassen - Wenn sich alle dran halten.
  • Du kannst dich nie darauf verlassen, dass alle Regelverstöße gesehen und geahndet werden - Komm damit klar, aber nutze es nicht aus.
  • Haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh.

Ich bin mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Mein Professor meinte, die vorliegende Arbeit wäre eine fahrlässige, wenn auch nett zu lesende Kompilation wirrer Gedanken. Ohne Hand und Fuß. Akademisch untragbar. Intellektueller Hooliganismus.

Das Leben ist wie ein Fußballspiel. Nicht weniger. Und manchmal kassiert man in der letzten Minute noch das Gegentor. Aber es gibt ja noch eine zweite Halbzeit, wenigstens ein Rückspiel, auf jeden Fall eine neue Saison.

So einfach ist das.

https://libralop.de/tagebuch/nicht-weniger

4 Kommentare

ben_ 24.05.2018 ~ 10:07 Uhr.

Puh … äh … seitdem die Kinder da sind, bin ich ja eh etwas näher am Wasser gebaut und auch oder gerade, weil ich so eine grossen Distanz zum Fussball habe, hatte ich doch etwas Feuchtes im Auge. Danke für's Aufschreiben!

Stefan 24.05.2018 ~ 15:19 Uhr.

Wenn ich darüber nachdenke, was mich am Fußball faszinierte, war es nicht das Spiel selbst. Das Spiel ist vergleichsweise kurz, nicht besonders komplex und nur selten spannend oder schön. Faszinierend war, was neben dem Spiel passierte: die Erwartung, die Vorbereitung, die Fahrt zum Stadion, der Platz, die Stufen, die Tribüne, das Singen, die anderen Zuschauer, das Geschrei, die Erleichterung danach oder die Verzweiflung und die Fahrt zurück, die Nachbesprechung. Allmählich entstand die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht gesund für mich ist, meine Stimmung an das Abschneiden einer Fußballmannschaft zu binden, auf die mich Herkunft, Wohnort oder plötzliche Liebe geworfen hatten. Seitdem geht es besser. Es muss so etwas wie Freundschaft sein oder Sympathie, nicht bedingungslose Treue.

Libralop 24.05.2018 ~ 17:15 Uhr.

»Bedingungslose Treue« hat an sich ja auch schon wieder etwas moralisch Denkfaules. Von daher hast Du absolut Recht: Es muss etwas bidirektionales Sein, aus dem man jederzeit wieder aussteigen kann. Ganz gleich, ob das nun Fußball, Musik, Denktraditionen sind.

Auch schön: Dein Kommentar als eigenen Blogpost (http://klagefall.de/notizen/20180524) zu sehen! Wenn ich das mit den webmentions richtig begriffen und hinbekommen habe, bekommen wir das vielleicht noch eleganter hin ;-)

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