Perigäum

Über Ordnung, Herkunft und Distanz

Manchmal scheint es mir, als müsse man sich entscheiden: Ordnung oder Balance? Baum sein oder Ast? Nähe oder Distanz? Doch dann schaue ich ins Universum und sehe, dass das, was wir als geordnet betrachten, einer genaueren Untersuchung nicht stand hält. Oder besser gesagt: Dem Weltall sind unsere Ansprüche an Rechtwinkligkeit und Gleichmaß vollkommen schnuppe. Nehmen wir beispielsweise den Mond.

Die Theorie besagt, dass eine gigantische Kollision mit einem interstellaren Gegenstand der damals noch jungen Erde so viel Material herausgesprengt hat, dass sich daraus unser Mond bilden konnte. Über lange, lange, wirklich lange Zeit haben die einzelnen Partikel zueinander gefunden, sich gefestigt und zu einer Kugel geformt. Und ja, es ist eine Kugel, genau wie die Erde, liebe Flat Earth Society.

Voneinander getrennt haben sich beide nie. Der Mond zieht durch die Gravitation an seiner Herkunft herum, ohne sich jedoch losreißen zu können. Dies lässt bei uns Ebbe und Flut entstehen, sorgt aber auch dafür, dass wir auf unserer kleinen Wundermurmel immer in Position bleiben. Denn gäbe es den Mond nicht, und zwar in dieser Form, in dieser Größe, an dieser Stelle, mit seiner unfassbar geschmeidigen Tänzelei, die nie den richtigen Takt versäumt, würde die Erde unkontrolliert hin und her kippen. Leipzig wäre dann beispielsweise Standort einer Polarstation, um Tausende Jahre später wieder am Äquator zu liegen.

Gut, es gäbe dann weder Debatten ums Klima, noch um den Massentourismus, weil bis auf ein paar Bärtierchen niemand da wäre, der sie führen könnte. Doch da Bärtierchen prinzipiell viel zu lässige Typen sind, um solch ein Palaver zu veranstalten, wäre es hier recht still. (Vertrauen Sie mir. Bärtierchen sind die größten. Aber das ist ein anderes Thema, das später einmal hymnisch besungen werden sollte.)

Gemeinsam und lautlos tanzen beide durchs Weltall. Und wie das nach alter Väter Brauch üblich ist, geschieht das auf einer elliptischen Bahn. Gemeinsam um die Sonne. Der Mond um die Erde. Nun ist es aber so, dass diese Ellipse mitnichten ihr Zentrum genau auf der Erde hat, sondern etwas versetzt daneben. Es ist kein perfekter Kreis, legt man unser kleinkariertes Ordnungsparadigma an. Aber es funktioniert prächtig. Und wie bei jedem Ei gibt es Punkte, die mal näher, mal weiter vom Dotter entfernt sind.

Heute also – und deshalb schreibe ich diesen Text – ist wieder so ein Extrempunkt: Der Mond steht uns auch räumlich besonders nahe. Die Astronomen sprechen hierbei vom Perigäum. Spektakulär wird es, wenn dabei gleichzeitig eine Vollmondphase herrscht, weil dann die Zugewandheit und die Freude übereinander fast greifbar ist.

Die Sonne tritt in den Hintergrund und schenkt der Nacht ein Licht mit Schatten. Niemand sähe es, wären Mond und Erde nicht so verbunden. Photonen, entstanden durch die zufällige Verschmelzung von Atomkernen strahlen in den Kosmos. Nach acht Minuten und 20 Sekunden treffen sie den Mond, werden von dort reflektiert und nach weiteren 1,3 Sekunden erscheint das alles auf Deiner Netzhaut und lässt Dich fragen: Ist es nicht wunderbar, dass selbst wir all das nicht zerstören können?

Ich mag das Perigäum wegen des Gedankens, dass der Vollmond, genau wie ein Kind, immer wieder die Nähe zu seiner Mutter sucht. Dass sich Ursprung und Zukunft nur verbunden denken lassen. Sie werden sich niemals mehr miteinander vereinen. Aber sie sind Fleisch vom gleichen Fleische, nicht immer perfekt, nicht immer ohne Konflikte und doch halten sie sich gegenseitig am Leben. Es ist ein Wunder. Wir müssen nur hinsehen.

Für meine Frau Liebste, die The Kid dieses Wunder ist.

Für The Kid, auf dass er immer wieder die Kraft finde, zu scheinen und zu halten.


Wer möchte, kann sich diesen Text auch von mir vorlesen lassen oder sich gleich ganz herunterladen! Der hintergründige Soundeffect stammt von Tristan Lohengrin: tristanlohengrin.fr. Merci beaucoup!

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Social Media Reaktionen

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Síle
Síle

@faustrecht52 Ein schöner Text. twitter.com/libralophulot/… (→)

3 Erwiderungen (Response)

Frau Stich
Frau Stich

wie schön der text! und eine wirklich gute stimme um vorzulesen. danke! ☆ aber sächsisch geht auch "schlimmer"... 😁 …weiter lesen »

Markus Tribiger
Markus Tribiger

Schliesse mich Fr.Stich an; guter, interessanter Text ★ & der sächsische Dialekt ist doch eher dezent :) …weiter lesen »

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