Gesehen: »Ready Player One«


Lasst die Spiele beginnen!

Die Oasis. Eine riesige virtuelle Welt in der Du alles sein kannst. Wirklich: Alles. In der nur die Regeln des Spiels zählen. Was dir die Realität verweigert, ist hier jederzeit möglich. Man könnte diesen Platz mit der eigenen Phantasie verwechseln, doch für diese braucht man kein Equipment, wie VR-Brillen, vollsensorische Anzüge oder Datenleitungen. Andererseits lernt man im eigenen Inneren keine fremden Menschen kennen. Obwohl: Menschen? Kennenlernen? Wie soll das gehen, wenn du Avatar unter Avataren bist?

Ich verrate nicht zu viel: Es geht. Nicht nur im Film, sondern auch außerhalb des Kinosaals und der Online-Welt. Es ist nur anders. Spielbergs Film, basierend auf einem bis dato wohl noch nicht einmal veröffentlichten Romans, stellt sich der Frage, was die Realität eigentlich noch soll. Und da sich grundsätzliche Fragen am besten an ihrem Gegenteil diskutieren lassen, verschiebt sich 3/4 der Geschichte in die Oasis.

Dort tobt die weltgrößte Ostereier-Suche, denn der kürzlich verstorbene Schöpfer (»Gott ist tot« – Nietzsche!) hat in seinen unendlichen Weiten ein easter egg versteckt, einen heiligen Gral für Gamer und Nerds. Wer diesen Preis erringt, besitzt fortan die Kontrolle der Oasis. So machen sich nicht nur Millionen User auf die Suche, sondern auch ein skrupelloser Konzern, der das wirtschaftliche Potenzial einer Umgebung erkannt hat, die im Jahr 2045 zum bevorzugten Habitat einer dystopiegeplagten Menschheit geworden ist. Kriege, ungleiche Verteilung, Armut – alles ist noch da. Biff hat gewonnen, Marty.

Katze mit Gamecontroller

Der Film ist mit Querverweisen zu kulturellen Meilensteinen in derart hoher Dichte verknüpft, dass es wahrscheinlich mindestens fünf Vorstellungen benötigt, um annähernd die Hälfte davon zu entdecken. Ready Player One wird somit wahrscheinlich auch als der Film in die Kinogeschichte eingehen – und ja, den Platz hat er sich redlich verdient – der das höchste Tuschel-Aufkommen pro Kinosaal aufweist. Ständig entdeckt man neue Figuren, Orte, Namen und Geschichten aus Computerspielen, Filmen und Büchern und ständig bricht der Drang aus einem heraus, das soeben entdeckte seinem Sitznachbarn mitzuteilen.

Gleichzeitig ist die Ikonen-Dichte vielleicht auch eine Schwäche des Films, denn auf dem Weg nach Hause weiß man schon kaum mehr, ob das, worüber man sich gerade unterhält, noch aus dem eben gesehenen Film oder einer anderen Geschichte stammt. Positiv betrachtet könnte es aber auch die Erkenntnis sein, dass der Kern jeder jemals erzählten Geschichte die Menge aller bis dahin erzählten ist.

Ready Player One ist der kleine Bruder von Faust II. Ein Werk, gespickt mit derart viel Spezialwissen, dass nicht nötig ist, und durch dieses Unnütze zum Spiel wird – aber deutlich unterhaltsamer als Goethes Abstieg in den reinen Geist, weil herzlicher, verspielter. Naturgemäß ist es mir nicht möglich, einzuschätzen, wie der Film auf einen popkulturell naiven Betrachter auszufallen vermag. Doch auch wer die letzten Jahrzehnte weder im Kino war noch vor einem Spielcomputer gesessen hat, wird sicherlich seinen Zugang zu der Geschichte finden.

Letztlich geht es um Eines: Was sind unsere Geschichten und wie werden wir durch sie zu dem Menschen, der »Ich bin, der ich sein will und ich mache, was ich tun will« sagen kann? Wie findet man etwas, das größer ist, als man selbst, in einer Welt, die keine Angebote mehr ohne Preisschild macht? Und gibt es noch eine Münze für ein Extra-Leben nach dem Tod?

Rosebud.

https://libralop.de/tagebuch/ready-player-one
Tags: Film

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