Russensommer


Gottesdienst. Die Kapelle ist der einzig kühle Raum in dieser verfluchten Strafanstalt. Der Pfarrer sagt, dass wir Fehler gemacht haben.

Die Hitze droht alles bersten zu lassen. Während die Sonne den ganzen Tag lang die Backsteine um uns herum voll Hitze pumpt, versuchen wir in unserer Zelle das Licht draußen zu halten. Licht ist Wärme und Wärme ist der Tod. Wir warten auf die Nacht, setzen alles auf das Dunkel. Hoffen auf und beten für Regen.

Braun hatte es vorgestern erwischt. Heulte gegen die Tür, wimmerte nach seiner Mama, pisste sich dabei die ganze Zeit ein. Bei Gott, ich habe bis dahin noch nie einen Menschen so lange pinkeln gesehen. Am Ende waren seine Hosen vollkommen durchgeweicht. Und rot.

»Sind Potschka«, meinte Vjatscheslav. Die Nieren. »Wenns is so warm und nix trinken – Potschka kaput!«.

Woher er das wisse? Darüber schweigt er. Überhaupt waren das seine ersten Worte, seit er bei uns ist. Eine Stunde später haben sie Brauns Reste abgeholt. Seitdem stinkt es. Überall Fliegen.

Vjatscheslav steht nackt an der Wand. Er presst seine Brust gegen die warmen Mauersteine und zählt bis einhundert. Dann wirft er sich zu Boden und pumpt zwanzig Liegestützen. Umdrehen. Auf den Rücken legen.

»Ist alles Sache vom Kopf, alles. Wenn Bauch ganz warm von Wand, dann machst ihn noch warmer. Und wenn denkst, jetzt nix gehen mehr, dann: hinlegen und aaah…«. Er grinst, wie es nur Russen können. »Ist kalt wie Moroschenoje. Wie Eis, verstehst?«.

Heute ist Samstag. Glaube ich.

Gottesdienst. Die Kapelle ist der einzig kühle Raum in dieser verfluchten Strafanstalt. Der Pfarrer sagt, dass wir Fehler gemacht haben. Der Pfarrer sagt, dass wir noch immer Fehler machen, aber das noch nicht das Ende sein müsste, denn das Ende wäre nur die unendlichste aller Entfernung von GOtt, und GOtt ist gütig genug um uns auf unserem Weg zu ihm ein Stück entgegenzukommen, wenn wir das auch täten, und die Kraft fänden zu bereuen und zu folgen, zu folgen, Amen.

Vjatscheslav lauscht der Predigt, als müsse er sie nachher in Wort und Geste wiederholen können. Ich beobachte ihn, dabei döse ich noch etwas.

»Und so mögen eure Fehler auch meine Fehler sein, und euer Scheitern mein Scheitern, und euer Leiden mein Leiden. Doch die Schuld tragt ihr allein, ihr allein, sprecht mir nach, Wir allein« – Wir sprechen ihm nach – »denn es ward euch gegeben und ihr habt abgelehnt, ohne Not seid ihr vom Pfad abgegangen, ohne Not, ihr seid abgewichen und gefallen und habt euch selbst beschädigt! Nur Treue ward verlangt, Treue und Verbindlichkeit, doch ihr wolltet nicht hören, nicht fühlen, nicht glauben und damit ist es eure Schuld, sprecht mir nach! unsere Schuld allein« – Wir sprechen ihm nach. Vjatscheslav weint.

In der Zwischenzeit ist unsere Zelle kleiner geworden. Stündlich nähern sich die Wände einander an. Wo vor der Predigt noch ein Schränkchen stand, befindet sich nun Mauerwerk. Heiß, erstickend, übereinander gestapelte, fest verfugte, undurchdringliche Steine. Wenn wir viel Glück haben, erleben wir noch eine Predigt. Aber danach sieht es wohl nicht aus. Vjatscheslav scheint von all dem nichts zu bemerken. Er widmet sich sofort wieder seiner Eigenklimatisierung.

Hinter uns fällt der Riegel ins Schloss. Die ansonsten faulen Fliegen steigen erschrocken zu einer dunklen, sirrenden Wolke auf. Mir wird es zu viel. In meinem Kopf dröhnen die Worte des Pfarrers, blechern, leer, nutzlos. All die Kühle half nicht, mich wach zu halten. Schuld drang ein und ich merke es erst jetzt. Er hat verflucht noch einmal recht: Es ist meine Schuld. Habe es selbst versaut. Anderen ist es nicht passiert. Nur mir, nicht die anderen. Bloß ich bin gestürzt.

»Wer stehen bleibt, wer sich umschaut!«, sagte mein VAter damals schon und Scheiße, er hatte recht! Ihm ist das nie passiert.

Ich muss raus.

Ich bin draußen. Ich sehe mich an die Tür klopfen. Ich höre mich wimmern. Es tue mir leid, sie hätten recht, alle hätten sie recht und alle hätten sie schon immer recht, vollumfänglich, das weiß ich nun. Ich sehe meine Arme ermatten, sehe mein Schlagen in ein Kratzen überfließen, sehe meine Hosen nass werden, ja, ich pisse ein, das ist meine ureigene Selbstbeschädigung. Ich kann mich nicht mehr ansehen. Ich drehe mich um. Ich verwandle mich in eine Fliege, nein, eine Nachtlibelle, nein, eine Fledermaus, nein, einen Vogel. Ich bin ein Wind, der durch die engen Gitterstäbe zieht, vorbei an Vjatscheslav, der gerade die sjemdesjat, wosjemdesjat, ?????????, chundert! passiert.

Und weg.

https://libralop.de/tagebuch/russensommer
Tags: Schreiben

4 Kommentare

Libralop 07.02.2019 ~ 08:41 Uhr.

Das Russische ist stark in Euch, liebe Leser! Auch auf Twitter hatte man mir hier die scheinbar fehlende Vokabel zugesandt, doch niemand zog in Betracht, dass Vjatscheslav einfach nur ein Schummler ist. Womit das nun auch aufgeklärt ist.

Thomas Bernhard hat einmal gesagt, dass man ja sowieso nur über die Dinge schreiben kann, die man kennt und selbst erlebt hat. Schummeln bei Liegestützen – genau mein Ding!

klagefall 07.02.2019 ~ 09:02 Uhr.

Man vergisst so leicht, was für ein Privileg es ist, in der heutigen Zeit aufzuwachsen und nicht in irgendeinem Lager zu verrotten. Liegestütze, Klimmziehen, Stangenklettern – der Sportunterricht war nur noch ein ferner Nachklang an die finsteren Zeiten.

Libralop 07.02.2019 ~ 10:25 Uhr.

Richtig, der Sportunterricht ist heutzutage ein ganz schlimmer und ist es im Grunde ja auch schon immer gewesen. Anstatt den Menschen, die ohnehin schon mit ihrem Körper über Kreuz liegen, ein positives Gefühl oder eine Ahnung davon zu geben, was damit möglich sein kann, wird alles taxiert, normiert, in Leistungsklassen unterteilt und auf ewig verdammt. »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« – Das wäre mir ein echtes Credo für diese Qualanstalt. Aber darauf kann man ja lange warten, schließlich braucht es stets Dummhansel-Nachwuchs, die für irgend eine Ehre oder irgend einen Ruhm schnell rennen, hoch springen, schwer heben können.

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