Sigmund Jähn oder der blasse Punkt


Rein ins All, raus aus der Geschichte

1990.

Die Sonde Voyager 1, die bereits seit XX Jahren im Weltall unterwegs war, hatte alle ihre Ziele erfüllt und sollte, den Weg nach draußen antreten und unser Sonnensystem verlassen. Zuvor sollte sie aber noch einmal zurückblicken und ein Familienfoto ihres Heimatsystems machen. So schoss sie aus 6 Milliarden Kilometern Entfernung ein Bild, auf dem die Erde zu einem kleinen blassen blauen Punkt schrumpfte. Ein Pixel, mehr nicht, damals Heimat von 5 Milliarden Menschen.

1978.

Sigmund Jähn startet ins All. An Bord der Sojus 31 braucht der damalige Oberstleutnant der Nationalen Volksarmee der DDR mehr als sieben Tage, um die sowjetische Raumstation Saljut 6 zu erreichen. Damit war er offiziell der erste Deutsche im All. Ein Held gewordenes Politikum aus dem sächsischen Vogtland.

2018.

Heute jährt sich Jähns Flug zum vierzigsten Mal. Ich habe lange darüber nachgedacht, was mir das eigentlich bedeutet. Jahrelang war es für mich der Triumph eines einfachen Mannes, der an sich und ein politisches System geglaubt hat und es damit zu etwas gebracht hat. Mut. Durchhaltevermögen. Aber auch persönliche Opfer.

Später wurde mir klar, dass Jähns Geschichte nicht ohne die der deutschen Teilung zu denken ist. Er ist der Held von drüben, den hier jeder kennt, sonst aber kaum einer schätzt. Ein auf der falschen Seite Geborener, genau an der Stelle, wo heute ein blinder Fleck sitzt, wenn es im populären Rahmen um die deutsche Geschichte geht. Zusammen mit all den Dichtern, Musikern, Künstlern, Wissenschaftlern steht er für eine soziale Gruppe der beiseite Geschobenen, der als überflüssig gehaltenen. Ein kleiner blasser schwarz-rot-goldener Punkt mit Sichel und Ährenkranz.

Ich bin dankbar, dass ich die Wende miterleben durfte. Der Wechsel von materieller zu ideeller Armut. Die Ambivalenz von Konsum und Menschlichkeit. Der Versuch, frei zu sein, wo keine Freiheit herrscht. Die Illusion, dass der Markt schon alles regeln wird und Werte einzig etwas für die Börse sind. In Zeiten, in denen Worte wie Humankapital und Kompetenzorientierung entstanden, um zu verschleiern, dass die jetzt gelebte Freiheit in vielen Fällen nur eine scheinbare ist, sehe ich in einem proppevollen Hörsaal einen älteren Herren stehen, der das Weltall bereiste und als seinen Sehnsuchtsort seine Datsche angibt.

Und ich wäre gerne nicht so ein Feigling, wie ich es nun einmal bin.

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