Spuren

Die Dozentin stellt uns eine Frage: Denken Sie an Ihren Lieblingslehrer. Was schätzten Sie an ihm besonders?

Ich denke an Herrn S., den Mann mit dem traurigsten Gesicht der Welt, das immer nur Trauer, nie aber Zorn verspürt zu haben schien.

Kaum älter als mein Vater, dafür in jeder Beziehung gelassener, Werken, Deutsch, Geschichte.

Einmal trat ich im Treppenhaus nach einem Jungen, der hinter mir lief.

Verdient hatte er es.

Frau K. betrat den Raum, fragte, ob es hier einen Schüler meines Namens gäbe. Sie befahl mich ins Schulhaus. Brüllte mich an.

Noch nie hatte bis dahin jemand meinen Namen so offiziell ausgesprochen.

»Methoden wie bei der SS!« und »Vielleicht sogar innere Blutungen!«

Sie war die Klassenleiterin des Jungen, wasserstoffblond, auftoupiert wie Las Vegas in den Sechzigern, cholerisch, Mathe, Physik.

Daraufhin musste Herr S. sich vor seinem Kollegium verantworten.

Vernachlässigung des sozialistischen Erziehungsauftrages.

Hinterher sollte er mir eine Abreibung verpassen.

Das konnte er nicht.

Seine Enttäuschung über mich brach mir das Herz.

Es kam nie wieder zur Sprache, obwohl es immer zwischen uns bleiben sollte.

Ich denke an Herrn M., dessen Gesicht nur aus einem dichten Vollbart zu bestehen schien.

Kaum älter als mein Vater, dafür in jeder Beziehung stärker. Biologie und Chemie.

Wenn er lachte, bildeten sich Millionen kleiner Fältchen um seine Augen.

Zähne, die wie Diamanten durch kohlrabenschwarzes Gestrüpp funkeln.

Ein Augenaufschlag genügte, wo andere langwierig nach Worten ringen mussten.

Sei es Lob oder Tadel.

Während der Klassenfahrt in die Gegend seiner Kindheit erzählte er von sich.

Auf einem Rastplatz für Wanderer unweit der innerdeutschen Grenze, 28°C, klare Sicht.

Lauter Geschichten, doch viele ohne Edelsteine.

Aber auch frei von der Verbitterung desjenigen, der sich seinem Schicksal ergeben würde.

Seine Blicke galten einer unerreichbaren, unendlichen Ferne, einem unerreichbaren, anderen Leben.

Jener Vision von Freiheit, nur ein paar Kilometer weiter, für alle gut sichtbar abgeriegelt.

In diesem Moment beschlich mich das Gefühl, ihm zur Seite stehen zu müssen, weil das eine Seite war, an der man ewig bleiben konnte.

Zumindest so lange, bis ich jemandem ernsthaft eine eigene Seite anzubieten hätte.

Meine Unfähigkeit dazu zeigte mir meine Grenze auf.

Die eines Kindes.

Eines Tages kam Herr S. nicht mehr zur Schule.

Sein Bruder war bei einem Eisenbahnunglück ums Leben gekommen, aber das erfuhren wir erst, als auch sein Herz so traurig wie sein Blick geworden war.

Später stand sein Name noch viele Jahre am Klingelschild einer verwaisten Wohnung.

Tot, verstehst du? TOT! Er ist daran regelrecht eingegangen, gestorben, weil er danach nichts mehr hatte, außer uns, verstehst du, zerrissen vom Ungleichgewicht eines beschissenen Daseins, das ein Mensch sein soll, der ja auch wie ein Mensch fühlen möchte, der wie ein Mann führen soll, der wie ein Mitglied funktionieren muss, aber nicht sein einziges Leben genießen kann, weil ihm diese Freude keiner gönnen will, lässt sie sich ja nicht kontrollieren, überwachen, taxieren, verstehst du?!

Eines Tages kam Herr M. nicht mehr zur Schule.

Fragen über ihn wurden verboten. Sozialistisches Kunstück: Ohne ein Wort zu sagen.

Da wussten wir, was los war.

Er hatte es ihnen allen gezeigt, er hat sich nicht verbiegen lassen, ihre Spielchen nicht mitgespielt, ist seinen eigenen Weg gegangen, hat sein Glück durch seine Stärke gefunden, immer nur nach seinen Regeln gespielt, weil diese Regeln gut waren, gerecht, sinnvoll, nützlich, für alle und für immer! Ja. Das ist es. Das ist, was ich glaube, glauben will, glauben muss. Und was mir keiner nehmen darf. Auch du nicht, verstehst du?

All die Jahre frage ich mich, ob sie auch an uns gedacht haben, später, als sie fort waren. Und wie sie sich in diesen Augenblicken fühlten.

Und ob ich jemals so werde sein können.

Vielleicht ist die Antwort darauf so einfach, dass ich sie nicht auszusprechen wage.

Etwas zu sagen? Her damit!

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