Tour d'été – Tag 1

Suchten einen Schlafplatz. Fanden Zeitz.

Einstieg in den Sommerurlaub. Die Republik stürmt Küsten und Gebirge. Wir machen Heimatkunde.

Konzession ans Schreibtischtätertum: Eine Etappe sollte um die 30, nicht aber länger als 40 Kilometer sein. Die Fahrrad-App veräppelt und zeigt uns bei der ersten Planung die Entfernung in Luftlinie an. So kommt es, dass wir erst ein Hotel buchen und danach feststellen, dass wir fast 20 Kilometer über unseren Tageslimit liegen werden. Am Ende des Tages kratzen wir an der 50 herum.

Radfahren macht Spaß. Vor allem, wenn alte Industrielandschaften wegetechnisch ausgebaut werden. Lange Asphaltbänder, vorbei an Feldern und durch Auen. Die Hitze frisst die Weiße Elster auf. Große Deichgebiete, stolze Hinweisschilder auf überstandene Fluten als Kontrast. Kopfschütteln des Stadtmenschen. Ahnungslos, naturgemäß.

Pause in Profen. Keinen Kilometer entfernt die Mondlandschaft eines Tagebaus. Kleine Stelen gedenken der Opfer der Weltkriege. Wenn unser Energie-Hunger auch diese Stätten wegbaggert, wer denkt dann noch?

»Namen, Adresse, Telefonnummer. Willkommen in Sachsen-Anhalt!«. Wer ausfüllt wird bedient. Potjemkinscher Pandemieplan.

Zeitz: Eine Nacht, mehr nicht. 40 Pendlerminuten mit dem Zug von Leipzig entfernt. Ein blinder Fleck. Irgendwie Kultur, irgendwie Historie, irgendwie Industrie. Vom morbiden Charme mit Venedig vergleichbar, nur mit weniger Wasser und weniger Touristik. Gelernt: Dass man Bücher nicht nach ihrem Umschlag beurteilen soll, gilt auch für Städte und Herbergen.

Unbegreiflich. Schön.

Der Bekannte schreibt mir, auf Teneriffa sitzend, via WhatsApp seine Zeitzologie: Als 1990 alles nach Westen blickte, fuhr er nach ZZ, um sich in den hiesigen Werken einen Kinderwagen zu kaufen. Nicht aus Ostalgie, sondern purem Pragmatismus. Hat dann insgesamt drei Kinder darin umher gefahren. Qualität!

Unser Wirt ist ein Original. Erst belehrt er uns, dass wir hätten anrufen sollen, wenn wir mit einem Fahrrad kommen. Danach erzählt er uns die Stadtgeschichte inklusive Lokalpolitik innerhalb von 10 Minuten. Nicht weil sie uninteressant wäre, sondern ein Drama bestehend aus falscher Bescheidenheit, Rückwärtsgewandtheit, und purer Ahnungslosigkeit ist. Shakespeare in Stadtmarketing. Morgen früh wird er uns voraussichtlich adoptieren.

Er empfiehlt uns acht Restaurants inklusive eines Vietnamesen, dessen unique selling point der Verzicht auf Glutamat, goldene Buddhas und Winkekatzen ist. Habe noch nie so gut asiatisch gegessen. Besiegle die Völkerfreundschaft mit zwei Saigon Beer.

Damit es nicht zu schön wird, taucht unvermittelt das Wahlkreisbüro der AFD auf. Poggenburgs Dreckfresse, unrasiert, abgrundtief verachtenswert. Kümmerer in Sachen regionaler medizinischer Versorgung, Gegner der Sanktionen bezüglich Russlands. Ein einziger Politik gewordener Gulli. Auch überall: Infotafeln in der Stadt über die Hitlerzeit. Hausbeschriftungen: »Hier folterte die Gestapo«. Krasser Kontrast.

Abendsonne, warme Luft. Zeitz legt sich nochmal richtig ins Zeug.

Kein Mensch zu sehen. Die Schauspieler dieser Kulissen haben wohlauch Wochenende oder Sommerferien.

Morgen: Aufbruch nach Kreipitzsch. Gewitter drohen.


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– 19. Juli 2020 –


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