Tour d'été – Tag 2

Tschilp!

Morgens in Zeitz: Bis auf einen einzigen, nämlich den, der vor Ihrem Fenster, saßen alle Spatzen der Welt vor unserem Fenster und hoben pünktlich um viel zu zeitig an, die kommende Sendung von »Anne Will« zu planen. Nur nicht ganz so durcheinander.

Raus aus dem Gewerbegebiet, rauf auf den Zuckerbahnradweg. Sehr schön gestaltet, lange Anstiege, neckische Abfahrten. Wohl das Beste, was man aus einer abgewickelten Industrie machen kann.

Berge. Hätte Richtung Thüringen auch niemand ahnen können. 12 Prozent Steigung. Das sind Wände, keine Straßen!

An der Rudelsburg angekommen. Zurückhaltende Rezeptionistin. Eine etwas unterbelichtete Kellnerin beschwert sich, als sie uns noch eine weitere Karte bringen soll. »Ich muss dann auch diese desinfizieren, wechen Coroner!«. Hm.

Aber was für ein Ausblick!

Stichwort Wandern: Trend oder traurige Wahrheit?

Berge, Wald, Ruinen. Wo Unverdientes und Verfall so nah beieinander sind, ist der Deutschtümelnde nicht weit. Hier: Corps-Studenten. Kleiner Exkurs über Fremdherrschaft, Chauvinismus, Heinrich Mann und eine zeitlose Anekdote über einen Pizzafahrer (moi!), eine Burschenschaft und eine speziell beschrifteten Pizzakartondeckel.

Wilhelm der Erste, der junge Bismarck und sein Hund wurden hier dem Nichtvergessen überstellt und als steinere Selbstbesoffenheit zwischen die Bäume gekippt. Nicht unkommentiert.

Steht man auf der Rudelsburg und blickt ins Tal, hält man es vor lauter Eisenbahnplattigkeit kaum aus. Wirklich ein gutes Design, eingerahmt von Muschelkalk-Flanken. Da holt uns die Erdgeschichte wieder heilsam ein.

Letztlich ist das ja alles ohne Bedeutung, wenn man den richtigen Maßstab anlegt. Kriege. Burschenschaften. Soziale Netzwerke. Deutschland. Dieses Blog. Nur dass man sich hier keine Narben holt.

Auf dem Rückweg entwerfen wir den Plot für eine Netflix-Serie, die im Wesentlichen in Vietnam spielt, sich um Morde mittels Lippenstift dreht. Als wir damit in eine Sackgasse geraten, wechseln wir in eine dramatische Hochleistungskategorie: Die Geschichte eines Meth-Kochs, der sich heimlich in eine Schule schleicht, um dort Chemie zu lehren.

Morgen: Aufbruch nach Jena.