Tour d'été – Tag 3

Steine. Städte. Studenten.

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Bekommen im rittergutseigenen Restaurant einen Frühstückstisch mitten im Gang, mitten im Durchzug. Außerdem: Die erbärmlich lustlosen Imitate wertiger Lebensmittel. Erstaunlich, was sich heutzutage alles aus Sojamehl und Erdöl herstellen lässt.

Das Schönste ist manchmal die Abfahrt.

33 Kilometer bietet uns die App an. Bis Jena sind es eine steile Abfahrt, viele kleine Kopfsteinpflaster-Massagen und die Hoffnung auf Besserung.

Thüringen ist auf seltsame Art mein liebstes Bundesland. Wie eine lange Unterhose im Winter oder ein Wannenbad gibt es mir genau das, was ich begehre, greife ich zu diesen Dingen.

Dummerweise wird es irgendwann zu warm für Long Johns. Und sei das Bad auch noch so gut, verliert's doch stets an Wärme und Bequemlichkeit. Aber immerhin. Der Mensch braucht einen Ort.

Kurz vor Jena ruft mich mein Versicherungsmakler an: Auf dem für 362 Jahre (oder so) abgeschlossenen Ansparvertrag habe ich gesundheitliche Angaben gemacht. Blöderweise hat das in der Zentrale einer gecheckt und einen Fragenkatalog rausgeschickt. Er wollte damals, dass ich das nicht erwähne. Ich wollte es dennoch für den Abnibbelungsfall. Zahle da doch keine Milliarden ein, nur damit mir dann die Bureaukratie eine Nase dreht.

Irgendwie konnte er sich nur schwer damit abfinden, dass ich nicht sofort umdrehe, um mit ihm 8 Seiten Gesundheitsfragen zu besprechen. Pech gehabt, Baby.

Vorher durch Dornburg gekommen. In der hiesigen Kirche veranstaltete man ein Kunstfest mit Getränken und einer Kasse des Vertrauens. Finde sie nicht, werfe unsere Schekel direkt ins Kühlfach.

In diesem kleinen Dorf lauter Plastiken zu sehen, war toll. Erinnerte mich an meine Kindheit. Wohnten neben einem Künstler, der in seinem Garten nicht nur Sandstein-Skulpturen dengelte, sondern auch ein Dartspiel besaß. Mit echten Pfeilen, nicht diesem Magnetkram für Dullies, der so cool wie Rote-Bete-Kompott war.

Der Typ sah aus, wie so ein Bürgerrechtler aus der DDR halt aussah: lange Haare, zotteliger Vollbart, Jesuslatschen, unhumoriger Blick. Aber ließ uns in seinem Garten machen, was wir wollten. Hab das nie verstanden, was er da gemacht hat.

Musste es aber auch nicht. Hab was gefühlt. Wärme, Macht und Stärke. Hätte es so nicht bezeichnen können, weil ich damals ja auch nur ein kleiner Hosenscheißer war. Später wurde mir klar: Sowas macht nur Kunst. Deshalb haben sie damals wie heute so viel Schiss davor.

War der erste Erwachsene, der uns nicht sozialistisch formen oder anderweitig Gewalt antun wollte. In einer Welt, deren Weltkriegs-Narben noch schwärten, sei es im Geist, an den Hauswänden oder an abgeschossenen Händen und Beinen, war das was besonderes. Scheiß auf Bananen, das war so viel wichtiger.

Was ich sagen will: Da draußen gibt es echt ein paar Sachen, die größer sind als wir. Manchmal findet man die an den seltsamsten Orten. Zum Beispiel in Dornburg.

(Sitze gerade in Erfurt auf dem Balkon und schreibe gleich über Jena. Barfuß, billiger Weißwein neben mir, überall Weltentheater, dampflampenorange gefärbt. Hier schlägt sicher gleich der Blitz ein.)

Studentenstadt, ganz klar. Sofort verliebt. Keine hundert Meter vom Hotel ein Pub mit Live-Musik und einem sündigen Ale. Als der Klampfeur einen Tina-Turner-Song spielt, springen eine ehemalige Kindergärtnerin und kurz darauf ein älterer Herr auf den Fußweg. Big Wheel keeps on turning. Mitsingen. Abgehen. Sie glaubt nicht an Corona, er spielt später noch Sound of Silence.

Was man nach zwei Bier von den Menschen erfährt, ist stets unglaublicher als jede Netflix-Serie. Je-de!

Erzwingen kann man gar nichts. Nur begeistern. Ist die lange, mühsame Tour. Aber wenn ich mich später an das Gesicht von The Kid erinnern werde, wie er im Planetarium sitzt, um sich 'ne Stunde lang was über den Weltraum zu geben, sterbe ich als glücklicher Hulot. Klingt nach einem Plan, oder?

2: 53 Uhr. Gespräche über Ontologie lallen mehr als dass sie geführt werden durch unser Zimmerfenster. Das Hotel hat Innenstadtlage mit Schlagdistanz zu jeder Menge Kneipen. Autos hört man hier fast keine. Dafür die arabesken Argumentationen eines schwer gezeichneten und dennoch leicht sächselnden Studenten, der wohl eine Kommilitonin aus dem norddeutschen Raum klarmachen möchte. Vergiss es Kid: Terpentin macht jeden Pinsel weich und wir beide hatten heute davon reichlich.

Jemand fetzt an einem Blechtor herum. Vermute: Fahrraddiebe. Da der Urlaub schnell vorbei wäre, würden unsere Drahtesel den Besitzer wechseln, watschle ich runter. Alle noch da. Fahre wieder hoch, trinke einen Schluck Wasser, lege mich hin und höre zum Einschlafen einen Bud-Spencer-Film.

»Komm her du, dir haue ich Beulen in den Bauch bis du lachst!«

Morgen geht es schon wieder weiter: Weimar wartet. Werden aber auf jeden Fall wiederkommen!


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– 21. Juli 2020 –


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