Tour d'été – Tag 4

Wieder daheim. Doch der Reisebericht hat noch einige Kilometer vor sich.

Weimar, das große Warum. Keine Ahnung, weshalb wir hier sind, was wir uns vom wahrscheinlich zehnten Besuch erwarten. Warum erwartet man überhaupt etwas? Alles ist entleert, ich trank es gern und gierig. Hinter Fassaden lagern sie ihre Versprechungen von Kultur. Doch kaum jemand kommt herein. Wachleute kontrollieren stets und überall den korrekten Sitz von Masken. Menschen joggen durch den Park an der Ilm. Dieses wunderbar künstliche Arkadien, links murmelt das, was vom Flusse übrig blieb. Rechts der Straßenverkehr, der ungebremst ins Klassikerherz sticht.

Wir bezahlen viel zu viel für mittelmäßiges Essen an einen der auffällig stark vertretenen Italiener. Hab mich schon vor ein paar Jahren darüber gewundert und einen deutschen Gastronom dazu befragt. Er wolle lieber nichts dazu sagen, meinte er und blickte sich dabei verstohlen um. Da läuft ein ganz krummes Ding in der Stadt. Richtig groß. Richtig garstig. Ansonsten ist Weimar in diesen Tagen genau das: Eine gigantische Fressmeile. Überall schaufeln und schlürfen die Menschen auf der Straße in sich hinein.

Ein Traum: Es ist Frühling und in der Stadt kein Mensch. Ich fliege durch die engen Gassen, einfach so, weil ich es kann. Die Luft ist frisch, aber nicht kalt. Grün lockt der Park, ich kann es sehen, hören, riechen. Von Möglichkeiten getragen schlingere ich vorbei an Brücken und Wiesen, immer wieder vor und zurück. Unten bellt der Schwarze Hund, und mir wird klar, dass die schlechte Zeit bevor steht. Roter Donner am Berg. Knochenblut fließt herab. Die Menschen sind wieder da. Niemand schaut hin. Dunkler Rauch. Der Unmensch auf dem Balkon. Die Ignoranten auf dem Markt. Das Gedächtnis eines Elephanten währt ewig. Ich kann es hören.

Hier ist gar nichts mehr witzig. Hier ist gar nichts mehr. Hier ist gar nichts. Nichts. Zerstörte Datenströme. Sterne so hell, dass sie die Augen schmerzen lassen. Kein Leben mehr. Nur gejagte Momente, die immer zu fliehen verstehen. Echoing Lights.

Lass uns weiter fahren, Baby. Erfurt wartet.


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– 29. Juli 2020 –


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