Tour d'été – Tag 5 & 6

Kannst Du mir einen Ort nennen, wo Gott sich je zuhause gefühlt hätte?

In der Nacht zuvor sind Dinge geschehen. Dinge, die mich dazu brachten, für Erfurt ein neues Zimmer zu buchen. Weg vom geplanten Dreibettzimmer, hin zur Separation der nasenatmenden, gaumensegelschwachen, sich gegenseitig in Resonanz aufschaukelnden, gegen die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen ungewollt verstoßenden Mitreisenden. Ich liebe meine Familie. Aber ich liebe auch meinen Schlaf.

Verlassen Weimar. Vorfreude auf Erfurt? Unbestimmt, aber nicht unmöglich. Landeshauptstädte balancieren immer etwas auf dem schmalen Grat zwischen Langeweile und touristischem Überangebot. Aber da Erfurt und Glamour in der Menschheitsgeschichte noch nie nebeneinander in ein und dem selben Satz standen, bin ich zuversichtlich.

Kurz vorm Weimarer Ortsausgang wird es haarig. Kämpfen uns nahe des Bauhaus-Museums einen Anstieg hinauf. Kleine Verkehrsinseln machen klar: Verkehrsberuhigung, Dude! Hält einen Einheimischen nicht davon ab, zweimal an uns vorbei opeln zu wollen. Jedesmal scharfes Bremsen seinerseits, um nicht in die Markierungsbaken zu brettern. Selbst wenn ich ganz ganz ganz eng am Rand führe, käme er nicht vorbei, geschweige denn mit dem notwendigen Sicherheitsabstand. Kurz vor der Ampel schafft er es dann doch. Eine Frage der Ehre. Du bist Deutschland.

Schreiben ist wie Straßenkampf: Funktioniert nur mit einem Mindestmaß an Aufrichtigkeit. Leipzig pfeift Weimar an, ob das hier zwischen Radlern und Autofahrern so Sitte sei, dass die einen Beute, und die anderen Jäger sind. Denn wenn ich das gewusst hätte, wäre ich natürlich sofort auf den Fußweg gesprungen oder an Thüringen großräumig vorbei geradelt. Weimar öffnet die Fensterscheibe und gibt ein lang gezogenes »Entschuuuuldiguuuung« von sich. Leipzig ist sich unsicher, ob es sich dabei um Genervtheit oder demütige Einsicht ins eigene Fehlverhalten handelt. Im Sinne des Weltfriedens werden Daumen gehoben. Wir sind cool.

Nach weniger als 30 Kilometern schleicht sich die Stadtgrenze Erfurts heran. Dreht man sich um, erkennt man noch den Glockenturm auf dem Weimarer Ettersberg. So viel zum Thema »Wir haben davon nichts gewusst«.

(Es tut mir leid, dass ich immer wieder mit diesem Thema anfange, aber Sie ahnen es, liebe Leser: Mir ist das wichtig. Wer Deutschland lieben will, muss dessen dunkle Seiten kennen.)

Also Erfurt: Hauptstadt Thüringens. Sitz des Kinderkanals KiKa. Domstadt. Gartenschau. Historische Altstadt. Blau. Westlichster Punkt unserer Tour. Die mittlerweile leer gefahrenen Beinmuskeln danken inständig, dass wir zwei Tage hier bleiben wollen. Freue mich auf unser Hotel. Quer durch die Altstadt, Parks, schattige Wohngebiete, stets am Fluss entlang, führt uns das Navi aus der Stadt heraus. Bekomme eine zitterige Vorahnung. Habe in der letzten Nacht wohl nicht auf wirklich alle Details geachtet, während rings um mich die Weimarer Parkanlagen zersägt wurden.

Als die letzten Bäume weichen, ragt es vor uns auf: Ein Neubauviertel, quadriges Gebirge aus Beton, daneben eine Seniorenresidenz des Deutschordens, gegenüber ein Bowlingzentrum, das ganze Ensemble eingebettet in sozialistischen Brutalismus, durchzogen von Straßenbahngleisen und leise schlurfenden älteren Damen, aufgebrochen von Technobeats aus gnadenlos überdezibelisierten Kleinstwagen. Platz der Völkerfreundschaft. Fühle mich sofort wie zu Hause und verliere sofort und naturgemäß alle Hoffnung auf eine qualitativ hochwertige Hotelunterkunft. Meine Fähigkeit zu spontanen Entscheidungen um Mitternacht unter Schlafmangel erhalten einen miketysonesken Dämpfer.

Doch, oh Wunder: Die haben hier aus der architektonischen Effizienz und Hässlichkeit des sozialistischen Wohnungsbauprogramms der Siebziger eine absolut sinnvolle und qualitativ wertige Unterkunft geschnitzt. Wer einmal DDR-Flair mit Straßenbahnanbindung und Fahrradverleih genießen möchte, sollte unbedingt hier einkehren. Man wird sogar von der lokalen Twitteria freundlich begrüßt.

Am Supermarkt brüllen sich ein junger Kerl und eine junge Mutter an. Er spricht ihr ab, eine richtige Deutsche zu sein. Sie kontert mit einer kurzen Aufzählung ihres Stammbaums und wen sie alles kenne, der das bezeugen könne. Das reicht ihm aber nicht, sie sei trotzdem nur eine dreckige Zigeunerin, die weggefickt gehöre. Kenne diese Typen. Entweder bricht der Lauch unter der Wucht zweier Wasserflaschen zusammen oder er sticht dich gleich hier ab. Welcher Dreck auch immer durch dieses blassbrüstige Herz schwappt, gesund kann das auf keinen Fall sein. Ist heute mal nicht mein Job, herauszufinden, welche Neunziger-Jahre-Idiotie hier gerade eruptiert. Sorry.

Nach 150 Kilometern braucht es Ergänzungssport. Dringend. Spielen eine Stunde Bowling. Holen uns hier gemeinschaftlich den ersten und einzigen Muskelkater der gesamten Tour. Musculus gluteus on fire, zudem gehörige Schmerzen in Knie, Nacken, Unterarm und Fingern. Fluch der falschen Proportionen: Meine Arme vertragen eigentlich bloß eine Lady-Kugel, die Finger hingegen passen lediglich in die Bohrungen der quietschbunten Bälle der Abteilung »Abrissbirne«. Wenn ich die Pins treffe, pulverisiere ich sie. Betonung auf: Wenn.

»Romantische Stadtführung« am Abend. Erfahren eine Menge: Erfurt hat buchstäblich aus Pisse (und einer Pflanze namens Waid) Geld gemacht. Studenten wurden grün und blau geprügelt, bevor sie sich immatrikulieren durften. Die Frauen der Stadt können als Bild im Lexikon unter dem Stichwort »Promiskuität« gefunden werden. »Der kleine Lord« ist ein Kultfilm, den jeder Deutsche kennen muss, selbst der aus dem Osten, dreißig Jahre Wende, man solle sich nicht so haben und kein Trottel sein. Nach diesem kulturellen Kastrationsversuch, also wahnsinnig wichtigtuerischem Wessisplaining in Tateinheit mit hochmütiger Herabwürdigung denke ich sanft an Libuse Safrankova und scheiße schwungvoll schöngeistig auf die hageldomme Hoffahrt der tranigen Trash-Trulla aus dem Taunus und ihren spinnenbeinigen Spatzenhirni in fies furchtbar fluchtwürdiger Funktionskleidung. Obi Wan Kenobi hin oder her, aber mein Aschenbrödel würde deinen Sir Alec Guinness zart bestrumpft, leichtfüßig und gnadenlos in den kalten Boden des Moritzburger Treppenschnees rammen. Dagegen wäre Karpador vs. Mega-Rayquaza eine faire Partie.

Ein Türschild verbittet sich, dass der Hauseingang als Toilette benutzt wird. Das Thema Urin lässt uns heute nicht mehr los. Als wir durch die Straßen spazieren, muss ich an meine bibliophile Leserschaft denken (also alle!): War es nicht »Der Name der Rose«, in dem William von Baskerville sagte, dass er sich nicht überall wo er stehe und gehe erleichtere, schließlich sei er kein Italiener? Dann gehen wir in eine Gasse, die wohl mal den Namen »Rosengasse« trug, was den süffisanten Stadtführer zur Ausführung veranlasste, dass es sich bei der Rose um ein Symbol für Dirnen und leichtes Frauenvolk handelte, was mit einem weiteren Rekurs auf das wilde Mädchen schloss, in welches sich Adson von Melk verliebte. Schlussendlich das Augustinerkloster, von außen ein bockhässlicher Trumm von Geistlichkeit, ein eleganzbefreiter Anziehungspunkt für Körperlose, Trutzburg der Askese und Lebensverneinung, also wie geschaffen für Mönche und angehende Reformatoren.

Tags darauf erkunden wir das Areal noch einmal. Im Raum der Stille unter dem Kloster erfahren wir, dass bei einem britischen Luftangriff die Klosterbibliothek einen Treffer abbekommen hat. Keine Chance auf ein Entkommen. Das Gewölbe kollabierte innerhalb weniger Augenblicke vom Schutzraum zu einem 267-fachen Sarg. Kein altehrwürdiger Jorge, der sich ums Lachen der Menschen und ihre Frömmigkeit sorgt. Keine lustigen Stories über Luther und den Blitzeinschlag mehr, der ihn ins Kloster trieb. Zerquetschte Menschen. Brutale Realität. Leben. Sterben. Dies irae. Rosen auf Gräbern.

Ingemisco, tamquam reus, Culpa rubet vultus meus, Supplicanti parce Deus – Seufzend steh ich schuldbefangen, Schamrot glühen meine Wangen, Lass mein Bitten Gnad erlangen.

Durch die Nacht, durch die Nacht! Foxy, mir nach! Gib Deinem Drahtesel die Hochhackigen, wir fetzen den Wind in Stücke und rauschen schneller als der Fluss nach Hause! Italienischer Wein blutet durch unsere Seelen, denn da gehört er hin, für diesen Himmel sind wir unteilbar, Du Andromeda, ich Perseus, nur dass Du mich gerettet hast! And we shall reign forever and ever, Halleluja!

Am nächsten Tag schleiche ich mich davon, zu Delal, zeige auf seinen Kollegen und sage »Mach so, das ist spitze!«. Danach gehe ich mit einer neuen Frisur in den Tag und habe darüber hinaus einen türkischen Barbier, der fast so eitel wie ich ist, ein gutes Gefühl verschafft, weil er spontan zur Vorlage des Hulot-Looks wurde. Wir sind dann wohl nun sowas wie Brüder. ¡Adios peinado del COVID-19!

Schreie vom Balkon. Auf dem Parkplatz ein Salvatore, bucklig, humpelnd, rufend. Der Hauseingang öffnet sich, ein Mann rennt heraus, eine Frau bleibt stehen und hält die Tür auf. Keine zwanzig Schritte später hat er Salvatore am Arm und redet auf ihn ein. Rumänisch, würde ich tippen, erregt, vielleicht panisch, nicht aggressiv, aber am Limit. Ein Vater in Badeschlappen, seinen Sohn vor sich selbst, vor der Welt rettend. Zeternd gehen beide zurück. Als sie an der Frau vorbei gehen, streichelt diese mit der Erleichterung einer Mutter den Hinterkopf ihres erwachsenen Jungen. Die Lampe im Haus erlischt. Tränen laufen meine Wangen herab. Bist mich suchend müd gegangen. Erfurt ist ein Ort voll mystischer Leitmotivik.

»Junger Mann! Junger MANN!«. Ich lasse das fotografieren sein und drehe mich um. In der Sonne des Vormittags ruft eine alte Dame nach mir. Klein steht sie da und im Schatten, daher muss ich sie etwas suchen. In ihrer Hand hält sie einen Einkaufsbeutel. Ihr Haar ist etwas wuschelig, berichtet aber zuverlässig von einem Mindestmaß monatlich hergestellter Eleganz beim Stadtteilfriseur. »Wissen sie, wie schön das hier früher aussah?«

– Es sieht zumindest spannend aus. Das ist alte sozialistische Kunst hier, oder?

– Wissen sie, ich kenne sogar noch den Künstler. Ach, wie schön das hier früher aussah.

– Das Einkaufszentrum hier: Ist das neu oder gab es das schon vor der Wende?

– Der Künstler wohnt sogar noch hier in der Stadt, jaja. Das war so schön hier. Und nun sprühen die das alles so voll. Eine Schande.

– Ich finde es so auch noch schön. Auf seine eigene Weise. Ist halt die nächste Generation.

– Wo kommen sie denn her?

– Leipzig.

– Ach, Leipzig. Ja, da ist es auch nicht schlecht. Und wo wohnen sie jetzt hier?

– Drüben, im Hotel.

– Ich habe eine Freundin, die kommt von Leipzig, wenn die mich besucht, schläft die auch immer dort. Wirklich schön, wirklich!

Die Glocke klingt vom brutalistischen Turm herab. So nüchtern sie in die fortgeschrittene Konstruktion eines dreijährigen Minecraft-Gamers eingebaut ist, so erstaunlich vielfältig ist ihr Spiel. Tatsächlich eine kleine Melodie. Wir sehen beide nach oben. Warten ab, auf die Stille.

– Wissen sie, junger Mann, das war früher so schön hier. Aber jetzt ist das hier so syrisch geworden.

– Bei uns auch. Aber das ist doch kein Problem. Nur irgendwie anders.

– Na ja. Weiß nicht. Ich muss jetzt übrigens nochwas für die Polizei ausfüllen. Da hat einer von den Syrern letztens lauter Bierflaschen auf den Parkplatz geschmissen, eine nach der anderen, einfach so. Das sah aus! Eigentlich wollte ich es ja nicht machen. Aber jetzt mache ich es. Einfach so, einen ganzen Kasten. Junger Kerl. Fragt man sich.

– Hm.

– War früher schön hier. Wirklich schön.

Erfurt war wieder ein Gewinn. Meine Empfehlung: Sehr zu empfehlen! Weiter geht es, Apolda wartet!


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– 1. August 2020 –


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