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Individualistischer Zettelkasten

tl;dr: Menschen sind verschieden. Wissenssysteme auch. Nicht alle passen zusammen.

Es gibt so viele Prozesse des Merkens, Denkens, Handelns wie es Leute gibt. Auf der Suche nach dem Zettelkasten-HowTo ist mir klar geworden, dass es die Methode nicht gibt. Was für den einen funktioniert, passt für den anderen überhaupt nicht.

Wie sieht zum Beispiel ein ordentlich strukturierter Zettel aus? Im Luhmannschen System gibt es strenge Vorgaben, bspw. die Verwendung eineindeutiger Bezeichnungen der Zettel in einer bestimmten Struktur. Plus die Forderung nach Folgezetteln oder intensive Querverweis-Strukturen. Für L. hat es funktioniert. Aber für mich?

Spannend auch die Diskussionen in den Foren. Einer berichtet, dass er Andy Matuschaks Zettelkasten liebe, er darin gerne stöbere. Seinen eigenen habe er aber anders gestaltet. Es gibt eben einen Unterschied zwischen seinem eigenen und dem Zettelkasten eines fremden Geistes. Aber er macht eine faszinierende Wanderung durch dessen Gedanken möglich.

Sicher, man kann bestimmte Arten zu Denken lernen. Mnemotechniken und Prozessmanagement-Modelle gibt es wie Sand am Meer. Aber sobald es an die individuelle Technik geht, sind die Unterschiede so groß, dass die Übernahme fremder Musters nur noch anstrengend ist. Das raubt dem Denken die Niedrigschwelligkeit. Es wird zu unnötig anstrengender Arbeit.

Das kann nicht funktionieren.


Garage door up

One of my favorite ways that creative people communicate is by working with their "garage door up" (…) This is the opposite of the Twitter account which mostly posts announcements of finished work: it’s Screenshot Saturday; it’s giving a lecture about the problems you’re pondering in the shower; it’s thinking out loud about the ways in which your project doesn’t work at all. It’s so much of Twitch. I want to see the process. I want to see you trim the artichoke. I want to see you choose the color palette. Anti-marketing.

Eine meiner liebsten Arten und Weisen der Kommunikation von Kreativen, ist das Arbeiten mit "offenem Garagentor" (...) Das ist das Gegenteil des Twitter-Accounts, der meist Ankündigungen fertiger Arbeiten postet: Es ist der Screenshot-Samstag; es ist ein Vortrag über die Probleme, über die Du Dir unter der Dusche den Kopf zerbrichst; es ist das laute Nachdenken über die Art und Weise, wie Dein Projekt überhaupt nicht funktioniert. Es ist so viel von Twitch. Ich will den Prozess sehen. Ich will sehen, wie du die Artischocke schnippelst. Ich will sehen, wie du die Farbpalette auswählst. Anti-Marketing.

Andy Matuschak

Anmerkungen: Screenshot Saturday: Mit dem Hashtag #ScreenshotSaturday teilen Entwickler ihren wöchentlichen Fortschritt mit ihren Fans in den sozialen Netzwerken. Twitch: Hier streamen Menschen und sprechen über dies und das in eine Kamera. …weiterlesen »


θ

Sich Gedanken über Nachdenken, Erinnern und Verknüpfen, kurz: Wissen zu machen. Entweder der ultimative Luxus, spätrömisch, dekadent oder die letzte Rettung in Zeiten von »Don't think – feel and post!«.

Bestandsaufnahme: In meinem Schädel sieht es aus wie auf einer Müllkippe. Riesige Berge von Schnipseln mit Informationen über alles und nichts. Die Abfallwagen des Internets verklappen täglich neues hinzu. Das verstaue ich in den Kategorien »Nicht vergessen!« und »Daraus könnte man was machen!« so gut, dass ich es nie wiederfinde. Habe deshalb in der letzten Zeit das Prinzip des Zettelkastens wiederentdeckt.

Was das ist? Siehe: strengejacke.wordpress.com/2013/08/30/arbeiten-mit-elektronischen-zettelkasten

Gut erscheinende Software:

– Zettelkasten (Daniel Lüdecke). Funktioniert dank Java überall. Siehe http://zettelkasten.danielluedecke.de/

– Zettlr (Hendrik Erz): Linux, Apple, Windows. Siehe https://www.zettlr.com/

– Obsidian (Shida Li & Erica Xu): Linux, Apple, Windows. Siehe https://obsidian.md/

Wer richtig durchrocken will, sollte sich mal Markdown ansehen. Ein fantastischer Editor dafür ist »Typora« typora.io. Das Beste: Wer die Nase voll hat, kann das alles auch mit einem schnöffeligen Texteditor weiterbetreiben.

Freiheit, he?


η

In meinen schönsten Träumen geht es immer um Architektur. Andere mögen von Natur träumen. Bei mir sind es Städte und Räume.

Zum Beispiel die »Halle des ewigen Regens«. Riesige, braun glänzende Holztüren behüten sie. Drinnen führt ein ovaler Aufgang hinauf. Sein Handlauf besteht aus einem einzigen Stück Holz, bestimmt 20 Meter im Durchmesser. Pflanzen. Regentropfen, die aber dem Holz nichts anhaben. Der Ton einer Klangschale. Absoluter Friede. An der Flanke eine Tür, die zu einem Garten führt, der sich über Terrassen zu einem Schloss schlängelt. Aufgewacht.

Oder diese zwischenweltlichen Straßen, die sich zwischen das schieben, was man täglich nicht mehr sieht. Dunkel ist es dort, verraucht, Putz fällt herunter, niemand in den Fenstern. Eng ist es hier, alles geizig gebaut. Sonne hat diese Straße noch nie gesehen. Stille, wie in einer Totenstadt oder einem Colombarium. Es gibt keinen aufregenderen Ort als den dieser Verlassenheit. Sobald man sie verlässt, ist sie weg, zerbröselt zu Erinnerung. Aufgewacht. Als Forscher.

Letzte Nacht war ich in London. Der letzte Tag der »Reise« – was tun? Ich wagte mich mit meinem Fahrrad in den Linksverkehr und entdeckte Bekanntes, aber auch Plätze voll spätgotischer Bauten, schnörkelig, rund herum überwuchert von Wolkenkratzern, durchzogen von Touristenkolonnen, Geplapper und Würstchenduft. Die Endlichkeit macht mich bittersüß traurig, schon während des Schlafes. Aufgewacht. Als Liebhaber.

Mir fehlt so vieles.
Aber nicht alles.


ζ

Nach und vor allem:
U-Bahn-Stationsgeruch
Der Sitz neben mir
Quietschorange
Die ausglimmende Crackpfeife
Alles ist erlaubt
Was nicht verboten ist
Brandflecken in Plastik
Sicherheitsmaterial.

Wasserhäuschen
Lottozahlen
BILD
Feinkost-Mütterchen
Keine Zeit
Gold
Tausend Sprachen
Millionen Worte
Fuck.

Nutten tanzen
Zwei Songs bis sie nackt sind
Das Bier für 13 Mark
Teurer Mann in billigen Polstern
Irgendjemands Tochter zeigt Fotze
Für Wichser wie uns
Kann es kaum ertragen
Wegzugehen
Wegzusehen.

Neonlicht
Auf Straßenpflaster
Rennommé
Im Sportcoupé
Elemente
Unter dem Radar
Es ist zu schön
Es ist zu wahr
Es war.

B. fällt vom Stuhl
Der Fixer gegenüber
In sich zusammen
Sechster oder siebter Versuch
Sauber an der Ader vorbei
Blut läuft über Wangen
Schwarzer Saft spritzt aus dem Arm
Wer sagt den Eltern
Dass ihre Kinder verschwinden?

Wir sind Ossis
Frisch von der Weide
Ahnungslos und trinkfest
dumm wie Russland groß
Gefangen in einer Stadt aus
Duftbäumchen und Pissecken
Weggeworfene Pariser
Hinterm Museum, überm Heizungsschacht
Spritzen verdienen.

Der Teufel starb allein
Kurz vor der Dämmerung
Und niemand da
Der ihn beweint
Nur noch Maschinen
Die wie Menschen aussahen
Kein Gott der jubelt
Wohlverdiente Langeweile
Und zuletzt ein Gedicht.